Irritation

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 4,5 min.]

.. ist die Empfindung, die manche Ereignisse in Deutschland in mir auslösen. Ich frage mich – während ich mir noch die Augen reibe – ob wir eigentlich alle im selben historisch-politischen Möglichkeitsraum leben. Und gerade wenn das aktuelle Weltgetümmel sehr undurchschaubar und das Leben kaum zu bewältigen erscheinen, lohnt es sich, diese Ereignisse einmal nebeneinander zu legen und auf sich wirken zu lassen.
Im Vorfeld der Echoverleihung am 12. April wurde die Nominierung der Rapper Kollegah und Farid Bang kontrovers diskutiert, weil die Texte der beiden homophob, frauenfeindlich und antisemitisch sind. Nun ist diese Nominierung alleine nicht diskussionswürdig, da sie sich aus den Verkaufszahlen ergibt. Diskussionswürdig ist, dass die beiden mit Texten wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ tatsächlich von der Jury an einem internationalen Holocaustgedenktag auf das Siegertreppchen gehievt wurden. Wobei – nein, auch das ist nicht diskussionswürdig. Eine kurze Recherche im Internet fördert weitere „Perlen“ dieser „Gangster-Rap“ genannten Form der Logorrhoe zu Tage, die geeignet sind, Übelkeit zu erzeugen. Mit diesem Schwachsinn lässt sich viel Geld machen, weil viele Jugendliche von der perversen Aura des kriminellen Muskelmanns fasziniert, dort Ihr Taschengeld investieren. Besser dort als in das Kokain, das an anderer Stelle des Oevres gepriesen wird – möchte man meinen.
Der Skandal ist nicht, dass Idioten versuchen Kunst zu produzieren oder dass sie damit Geld verdienen – da sollte kein Neid aufkommen. Gegebenenfalls sollte sich die Bundesprüfstelle oder ein Staatsanwalt einmal mit den Texten befassen.
Der Skandal ergibt sich aus drei anderen Aspekten. Zunächst die Jury. Sie hätte niemanden für antisemitische Texte prämieren müssen. Das ist tatsächlich eine Schande für dieses Land – wie bereits an anderer Stelle gesagt wurde. Allerdings ist in diesem Zusammenhang interessant, dass im Jahr 2006 die Gruppe Oomp! mit ihrem Lied „Gott ist ein Popstar“ ausgeladen wurde, um in vorauseilendem Gehorsam vor dem Islamismus einzuknicken. Dann sind da all die Stars und Sternchen, die weder zum Boykott noch zu Kritik an diesem Trauerspiel fähig waren. Nur Campino von den Toten Hosen zeigte Rückgrat. Dabei ist die Boykottdrohung in dieser Szene nicht unbekannt. 2013 wurde die Gruppe Frei.Wild ausgeladen, weil mehrere Künstler mit Absage drohten. Frei.Wild galt damals als rechtsstehend. Ich warte auf die Reaktion all dieser empörungsfähigen Künstler, die sich immer hochaktiv gegen rechts zeigen. Wird einer von ihnen seinen Echopreis zurückgeben? Oder sind antisemitische Sprüche per se weniger schlimm, wenn sie von zwei Moslems geträllert werden? Eine Art folkloristische Marotte?
Der entscheidende Punkt aber ist das Label, bei dem die beiden Rap-Rabauken veröffentlichen. Es ist die BMG, die Bertelsmann Music Group. Ja, Bertelsmann! Das Medienimperium, das mit seiner Stiftung ungefragt Land und Leute mit belehrenden, wenngleich inhaltlich und methodisch fragwürdigen Studien überzieht. Bertelsmann, die nicht müde werden uns vor Populismus und rechten Tendenzen zu warnen, die uns erklären, dass die Integration von Moslems großartig laufe und wie unser Bildungssystem in Zukunft auszusehen habe. Das Imperium, das eifrig an seinen Netzwerken in die allerhöchsten Regierungskreise bastelt, durch persönliche Freundschaften oder z.B. durch das Bellevue Forum, bei dem es – mehr unter der Hand – ein wenig am Amtssitz des Bundespräsidenten herumdenkt.
Man kommt in Deutschland um dieses mutmaßlich größte Medienunternehmen der Welt nicht herum. Viele mögen sich noch an den Bertelsmann Club und seine grauenvollen Editionen erinnern. Manch einer hatte vielleicht gar das zweifelhafte Glück, von einem smarten Bibeldrücker einer Bertelsmanntochter besucht zu werden oder bekam zur Geburt des ersten Kindes hübschen Tinnef geschenkt, um dann bei der Einschulung ein völlig überteuertes Lexikon aufgeschwatzt zu bekommen. Seit der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts treibt dieses Unternehmen sein Wesen und hatte demgemäß auch seine eigene Geschichte mit dem Nationalsozialismus. Freilich wurde den Bertelsmännern erst relativ spät, im Jahr 2002, bewusst, dass sie gar keinen Widerstandsverlag, sondern die antisemitischen Aufrüstung der arischen Volksgenossen betrieben hatten, wie der Historiker Saul Friedländer ihnen im Bericht seiner Kommission darlegen konnte.
Es könnte die Frage aufkommen, ob man in Gütersloh nicht Gefahr läuft, den Antisemitismus zu einer Konstante der Firmengeschichte werden zu lassen. Dabei ist die Frage nicht, ob Bertelsmann selber antisemitisch ist. Das ist unwahrscheinlich. Aber es steht zu befürchten, dass sie nicht aus der Vergangenheit gelernt haben, sondern in der Vergangenheit. Das könnte man mit Bloch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen nennen. Sie haben gelernt, dass man mit Antisemitismus viel Geld verdienen kann. Dafür muss man selber keinerlei Ressentiments gegen Juden hegen. Hannah Arendt glaubte sogar Eichmann, dass er kein Antisemit gewesen sei. Nach ihrem Eindruck hatte er einfach funktioniert, ganz ohne Hass. Sein banal Böses bestand in der Unfähigkeit oder dem Unwillen zu denken.
Und wenn diese Musiker ihre aufgepumpten Körper mit herrenmenschlichem Habitus über die Bühne ruckeln und die BMG sich über die „außergewöhnliche Veröffentlichung“ und „jene Sorte Erfolg“ freut „die belegt, wie wichtig es doch ist, Künstlern und deren Visionen Vertrauen zu schenken“, dann ist sie wieder da, diese infame Unfähigkeit zu denken. Wir leben ganz offenbar nicht alle im selben Jetzt.

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