Morgenekel beim Hören der Nachrichten

von Sven Stemmer

In dem Haus, in dem ich wohne, hat sich der Vorbesitzer erhängt. Das erzähle ich normalerweise nicht so gern .. aber es bringt mich heute ins Grübeln. Die Polizei oder der Rettungsdienst hatten den Mann vom Strick geschnitten. Aber als ich meine Umzugskartons auf den Dachboden räumte, hing das lose Ende noch am Dachbalken und darunter war der umgestoßene Haufen Ziegelsteine zu sehen, den er anstelle eines Stuhls benutzt hatte.
Ich entfernte Strick und Steine – und es berührte mich eigenartig. Unwillkürlich stellte ich mir die letzten Sekunden des Selbstmörders vor, welches Gefühl wohl bei dem knirschenden Geräusch seines brechenden Genicks in ihm aufstieg und derlei Dinge, wie sie auch in der Literatur oder im Vorabendprogramm gelegentlich auftauchen. Ich machte mir auch Sorgen, dass dieser Selbstmord meine Gemütsruhe erschüttern könnte, besonders mit zunehmender Abenddämmerung, wenn die Neigung zum Aberglaube bei jedem Menschen wächst. Denn schließlich können wir alle Korrelation und Kausalität gelegentlich nicht auseinanderhalten. Ja, es haben sich überdurchschnittlich viele Menschen in meiner Wohnung erhängt (also dieser eine) und ja, es knack auffällig oft und laut in den Wänden, aber nein, es spukt nicht. Es ist einfach ein 200 Jahre altes Fachwerkhaus. Ich bekam diese Irrationalität gut in den Griff.
Eine andere Sache war es, die Motive seiner Tat einzuordnen. Ich weiß nur, sein Leben verlief nicht gemäß seines Plans, er ließ sich gehen, es entglitt ihm. Seine letzten Monate müssen eine Hölle der Depression gewesen sein; ich denke keiner bringt sich leichtfertig um – einfach so. Ich empfand es vor allem als Warnung, mich selber von so abschüssigem Gelände fern zu halten.
Jedoch .. er tat mir nicht leid. Da war nicht das geringste Mitgefühl. Und das liegt keinesfalls daran, dass ich zu so etwas nicht fähig wäre. Vielmehr ist es so, dass man für jede Form der persönlichen Betroffenheit einen Bezug braucht. Mein Bezug erschöpfte sich im kurzlebigen Grusel vor dieser Wohnung und der allgemeinmenschlichen Sorge. Nur kannte ich den Mann nicht, hatte noch nicht einmal ein Bild von ihm gesehen und wusste schlicht nichts von seinem Leben außer, dass er der Spezies Homo Sapiens² angehört und sich umgebracht hatte. Da wir sehr stark über unsere visuelle Wahrnehmung funktionieren, löst ein Fall, der für uns persönlich eher fiktiven Charakter hat, eben wenig aus. Auch wenn wir von einer Viertelmillion Menschen hören, die ein Tsunami von den Küsten gespült hat, regt sich erst einmal wenig, bis uns die Medien mit den erschütternden Bildern versorgen. Wobei ein bis etwa fünf leidende Menschen in der Regel einen stärkeren Eindruck hinterlassen, als eine Panoramaaufnahme von einigen Dutzend. Das ist nicht herzlos, sondern hat schlicht mit unserer Wahrnehmungspsychologie zu tun.
Es ist mir nur zu gut bewusst, dass es eine erhöhte Sensibilität der Gestalt geben kann, dass man Schmerzen an genau der Stelle verspürt, von der uns jemand einen Unfall schildert. Aber wenn jemand behauptet, die schlichte Nachricht ‚Ein Mann hat sich erhängt‘ würde ihn bestürzen oder aufwühlen, dann lügt er. Die Motive können unterschiedlich sein. Vielleicht möchte sich die betreffende Person als besonders gutherzig oder sensibel aufspielen. Oder diese Betroffenheit dient dazu, einen anderen Zweck zu verfolgen. Nicht selten einen Politischen.
Das politische Establishment gibt sich dieser Tage ob eines Selbstmordes im fernen Afghanistan bestürzt. Ein 23 Jähriger hatte sich nach seiner Abschiebung in Kabul, also etwa 150 Kilometer von der nächsten Talibanniederlassung entfernt, das Leben genommen. ‚Mutmaßlich‘ sollte ich hinzufügen. Politiker der Formationen, die ein ganz grundsätzliches Problem mit Abschiebungen haben, wie die Grünen, die Linken oder die Jusos, nahmen also ihre tiefe, emotionale Betroffenheit zum Anlass, den Rücktritt des Bundesinnenministers zu fordern oder sämtliche Abschiebungen nach Afghanistan zu stoppen. Das ist – zunächst – ein kleinen wenig absurd, da für diese konkrete Abschiebung vermutlich der Innensenator von Hamburg (SPD) der Ansprechpartner ist. Auch verwechseln unsere erschütterten Freunde Korrelation mit Kausalität. Sollte dieser junge Mann sich tatsächlich umgebracht haben, dann weil sein Leben nicht gemäß seines Planes verlaufen ist. Da kann auch die Abschiebung eine Rolle gespielt haben. Nur ist schwer vorstellbar, dass sie die einzige Ursache war.
Es bringen sich auch viele Menschen in Deutschland um, wenn es nicht so läuft wie gewünscht. Wenn sie zum Beispiel durchs Abi rasseln. Kaum einer käme auf die Idee, dafür den Rücktritt von Anja Karliczek zu fordern oder sofort sämtliche Abiprüfungen zu stoppen.
Wenn wir dennoch ermitteln möchten, welchen Anteil wohl die Abschiebung an der fatalen Entscheidung des jungen Afghanen hatte, können wir versuchen, uns ein Bild seines Lebensentwurfs zu machen. Er ist 2011, also mit etwa 16, soweit er sein Alter korrekt angegeben hat, eingereist. In Deutschland ist er dann rechtskräftig wegen Diebstahls, versuchter, gefährlicher Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt worden. Ein solcher Lifestile wird in Afghanistan nicht so gerne gesehen und dort gibt es die Todesstrafe, was die Entfaltung einer kriminellen Existenz empfindlich stört. Im Großen und Ganzen komme ich für mich zu dem Schluß, dass mich dieser Selbstmord nicht berühren muß und es auch keine Veranlassung gibt, irgendwelche politischen Schlüsse daraus zu ziehen.
Nun komme ich zu einer Unterstellung: Bei durchschnittlichen Politikern liegt eine durchschnittliche Wahrnehmungspsychologie und ein durchschnittliches Reiz-Reaktions-Schema vor. Die signifikant höhere Psychopatenquote in dieser Berufsgruppe einmal bei Seite gelassen. Daher glaube ich, dass die Nachricht vom Selbstmord eines abgeschobenen Afghanen beim interessierten Publikum selbstverständlich keine Bestürzung hervorgerufen hat sondern vermutlich einen Gedanken wie: „Oh, das ist ja praktisch.“ Und sogleich wurde er, der uns namentlich noch nicht bekannt ist, zum Exempel geprägt und als Werkzeug gegen den politischen Feind eingesetzt. Obwohl ich mangels Bezug kein großes Mitgefühl empfinde und mir das, was ich von dem Mann weiß, wirklich sehr unsympathisch ist, empfinde ich dieses Verhalten doch als besonders .. nun .. widerlich. Dass es genau die Menschen an den Tag legen, die nicht müde werden Humanität, Menschlichkeit und weiß der Kuckuck was im Munde zu führen, macht diese Sache für mich um so gravierender. Um meinen Ekel einmal in ein sprechendes Bild zu fassen, in meinen Augen schleifen sie die Leiche eines Selbstmörders wie eine Trophäe durch ihre politische Kampagne.
Ich werde den Verdacht nicht los, dass diese Akteure völlig Inhuman sind. Und je mehr sie von Menschlichkeit schwadronieren, desto weniger sind sie an den tatsächlich existierenden Menschen interessiert. Die sind einfach politische Verfügungsmasse. Seien sie nun Selbstmörder in Afghanistan oder Passagiere auf einem überfüllten Schlauchboot im Mittelmeer.

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