Seite auswählen

Autor: Arnold Welsch

Wenn die zahmen Hunde wild werden

Eine bretonische Notiz über Fortschritt, Verachtung und Zähne Ar chas doñv yelo da ouez. Die zahmen Hunde werden wild werden. Manche Sätze tragen ein ganzes Volk in sich. Dieser bretonische Satz tut es. Man kann das Lied rasch als nationalistisches Lied einsortieren, wenn man mit den üblichen Schubladen zufrieden ist. Aber das wäre zu wenig. Es ist kein bloßes Heimatlied, kein sentimentales Landschaftsbild, kein folkloristischer Nachklang aus einer hübsch bestickten Vergangenheit. Es ist eine Warnung. Bretonisch ist eine keltische Sprache. Wer sie nicht kennt, hört zunächst Fremdheit. Aber gerade diese Fremdheit ist lehrreich. Doñv heißt zahm. Ouez heißt wild....

Weiterlesen

Neulich in Neufinster

Manchmal beschleicht auch den Flaneur das Gefühl, man sei in den eigenen Straßen ein ungebetener Gast. Die Häuser stehen wie eh und je, die Plätze sind bekannt – und doch liegt ein anderer Klang über der Szene, ein Ton von Fremdheit. Da erhebt sich ein leiernder Ruf, der nicht zu uns gehört – schrill, vereinnahmend, wie Tarzan, der an seiner Liane vorbeischwingt. Laut, fremd, maßlos. Da zieht man den Kragen hoch, beschleunigt den Schritt und weiß: Hier, wo ich eigentlich daheim bin, bin ich auf einmal Fremder. Und dann, ohne Vorbereitung, setzt eine andere Stimme ein. Eine Geige, ein...

Weiterlesen

Anbiedernde Sanftmütigkeit

[ca. 2,5 min. Lesezeit] Dieser Gedanke kam dem Autor dieses Buchstabenarrangements beim Kontemplieren einer beliebigen Summe an Konterfeien von Zeit-Genossen. Es fiel auf, dass neben gezeigter Haltung und wohlfeiler Gesinnung eine gewisse „Gesichtskonstante“ bei jener Klientel vorherrscht. Für die Frauen unter jenen trifft eventuell die Zuschreibung Walküre mit antigermanischer Attitüde zu, bei den Herren der Schöpfung kommt eine betont wenig kämpferische, gewissermaßen krampfhafte Sanftmütigkeit zum Vorschein: Nicht eben als Herzenshaltung, sondern als Tugendhaftigkeit signalisierender Gestus, der Unterwürfigkeit suggerieren soll – vielleicht trifft es der Begriff „Anbiederung“ besser. Toxische Maskulinität Gewiss ist des Öfteren von toxischer Männlichkeit die Rede, welche...

Weiterlesen

Allein unter Slawen

Sobald ein Flaneur sich in die hinterste Ecke des gegenwärtigen Mitteldeutschlands flüchtet, muss er feststellen, dass er sprachlich und kulturell durchaus an Grenzen kommt. In diesem Fall hat ein zweisprachiges Bahnhofsschild auf dem Weg von Dresden nach Görlitz das Augenmerk erregt. Die Stadt Bautzen liegt auf halber Strecke zwischen Elbe und Neiße. Bekannt ist Bautzen nicht nur durch seinen gleichnamigen Senf, der im übrigen vorzüglichst mit herzhaften Speisen zusammengeht. Vielmehr kennt ein Geschichtskundiger den Namen der Stadt in Verbindung mit dem Stasi – nun… – Genesungswerk Bautzen. Etwas unerwartet schlängelt sich die Spree durch das Städtchen, welche sich Flugs...

Weiterlesen

Aus Tradition modern: Brunsbüttel hat den Kanal voll

+Ein Flaneur sollte von Zeit zu Zeit seinen Alltagstrott durchbrechen. Erst ruft die Muße, dann küßt ihn die Muse. Eine solche Alltagsflucht aus seiner tugendhaft-preußischen Disziplin führt ihn dorthin, wo Tradition modern ist, wenn sie nicht eh als zeitlos gelten darf: Nach Brunsbüttel am Ende des Nord-Ostsee-Kanals. Damit diese Reise ans Ende der Welt (zumindest aus Sicht eines Hamburgers, dessen Horizont mit dem Ende der Elbe aufhört) in überschaubarer Zeit zu bewältigen ist, haben weitsichtige Menschen eine Bahnverbindung in Itzehoe mit einem Schnellbus vertaktet. Auf diesem Wege kann der Mensch jede Art von Transportmittel zu Wasser und zu Land,...

Weiterlesen

Sven Stemmer

Arnold Welsch

de_DEGerman