Neulich in Neufinster
Manchmal beschleicht auch den Flaneur das Gefühl, man sei in den eigenen Straßen ein ungebetener Gast. Die Häuser stehen wie eh und je, die Plätze sind bekannt – und doch liegt ein anderer Klang über der Szene, ein Ton von Fremdheit. Da erhebt sich ein leiernder Ruf, der nicht zu uns gehört – schrill, vereinnahmend, wie Tarzan, der an seiner Liane vorbeischwingt. Laut, fremd, maßlos. Da zieht man den Kragen hoch, beschleunigt den Schritt und weiß: Hier, wo ich eigentlich daheim bin, bin ich auf einmal Fremder.
Und dann, ohne Vorbereitung, setzt eine andere Stimme ein. Eine Geige, ein Cello, deutsche Worte, ein Lied von Christus. Zuerst denkt man: befremdlich, fast zu forsch. Doch im zweiten Hören legt sich eine Ruhe über das Herz. Da klingt etwas, das nicht nur ruft, sondern stärkt. Da blitzt ein altes Bekannten-Gefühl auf – so, wie man im Gedränge unverhofft ein vertrautes Gesicht entdeckt. Christliche Präsenz wirkt auf Schleiereulen und manche Mischpoke wie Knoblauch gegen Vampire.
Und dies ist das Merkwürdige: Was vordergründig wie eine Störung wirkt – christliche Musik im öffentlichen Raum – wird in der Erfahrung zum Zeichen von Vertrautheit. Die Würde der Sprache, der Ernst der Töne, die Anmut der Instrumente: sie sagen, ohne viele Worte, dass auch wir hier sind. Mission in diesem Sinne ist nicht Anwerbung, sondern Erinnerung.
Sie ruft nicht:
μετανοεῖτε! – Werdet anders!
Sondern:
ἐστε! – Seid da!
Ein Autochthoner ist eben dies: Er ist – mindestens kulturell – im Christentum gegründet. Er trägt das strahlende Antlitz des Abendlandes im Gesicht und dessen Insignien in seinen Händen.
Und so ist es, als grüße einen ein alter Bekannter auf offener Straße. Solche Augenblicke sind unscheinbare Sakramente: Sie bringen Heimat zum Leuchten, mitten in der Fremde.
Man geht weiter, leiser geworden, und sagt vielleicht halblaut:
Deus tecum.
Fremd im eigenen Land – und doch, in diesem Augenblick, aufgehoben im Geist, genährt vom Klang eines alten Bekannten. Dies trug sich übrigens zu in Neufinster, auch Neumünster genannt.

