Stoßgebet an eine bestreikte Bahn

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 2,5 min.]                                                                                                                  .. zuerst erschienen am 17.102014 auf  taz.de, die Wahrheit

Große Deutsche Bahn, auch wenn du jetzt streikest – lasse uns nicht fahren, du letztes Leitbild der europäischen Schicksalsgemeinschaft!

Durch zartrosa Nebelschleier am Ufer der Weser bahnt sich der Zug den Weg entlang goldschimmernd gebeizter Blätter und Perldiademen, die sich in den Morgen weben. Zur frühen Stunde erreichen wir endlich den traumverlorenen Bahnhof Elze. „Stoßgebet an eine bestreikte Bahn“ weiterlesen

Sich selbst und sein Gegenteil

Es ist bei sehr kleinen auch bei kleinen Kindern durchaus sinnvoll. In dieser Sphäre des Menschlichen sind einfach andere Maßstäbe anzulegen und wer wollte bestreiten, dass beispielsweise das erste Mal AA auf dem Töpfchen eine große Sache ist? Vielleicht nicht ganz einem Fresko in der Sixtinischen Kappelle zu vergleichen, aber doch nah dran … mindestens für die Eltern und das glückliche Kind. Soweit so gut. „Sich selbst und sein Gegenteil“ weiterlesen

Eine kleine Anleitung zum Bau einer Bombe

Wenn der Magen knurrt und ein Bielefelder Bürger zu speisen beliebt, so steht nur eine geringe Auswahl an außerhäusigen Optionen zur Verfügung. 

Aus Gründen der örtlichen Verfügbarkeit fiel die Wahl auf einen Manufakteur von Fleischbratlingen im Brötchen, der urbanen Legende nach benannt nach der schönsten Hafenstadt der Welt, Hamburg. 

Bei Betreten des Speiselokals erfragte die typischerweise migrantische, sehr deutschkundige und zudem ausnehmend höfliche Kundenberaterin erstmal den Verbleib meiner Maskierung. Ich erwiderte, dass ich aus medizinischen Gründen eine Maske nicht tragen könne. Sie fragte zugegebenermaßen forsch, um welche Krankheit es sich denn handele.

Ich entäußerte meine gesundheitlichen Notwendigkeiten: Ich leide an Atemwegsproblemen. 

Die Kundenberaterin fragte, ob ich eine Bescheinigung hätte. Selbstverständlich, erwiderte ich, ob sie diese sehen wolle, oder ob sie es mir auch so glaube. 

Sie meinte, dies wäre nur wichtig, falls die Polizei komme. 

Die arme Zeitgenossin… ich weiß aus konkreter Nachfrage bei den Staatsorganen in mehreren Bundesländern, dass die Polizei dieses nicht zwangsläufig kontrolliere. 

Nun kamen wir zum kulinarischen Teil… welchen ich aus gourmetologischen Erwägungen nicht benennen mag. 

Da ich nun im Lokal speisen wollte, musste ich meine Adresse hinterlegen. Gut, dass ich Bielefelder bin und entsprechend meine dortige Anschrift jederzeit hinterlegen kann… 

Interessant war es danach, als der folgende Kunde dran war… dieser vulgarisierte lautstark, warum er denn eine Maske tragen müsse, wenn ich dies nicht bräuchte… 

Glücklicherweise kann ich ordnungsgemäß und rechtstreu meine Beweggründe mit preußischer Ordnung dokumentiert nachweisen. 

Dennoch wäre es schön, wenn künftig mehr Bielefelder ihre Anschrift in Listen niederschrieben und sich der freiheitlich-demokratischen Persönlichkeitsentfaltung hingäben. Dies verbessert das Sozialklima ungemein.  

Die Revolution bleibt zu Hause …

[Lesezeit ca.1,5 min. ]

… und wäscht sich die Hände. Es wird Lenin die Erkenntnis zugeschrieben, dass die deutschen Revolutionäre einen Bahnhof erst nach dem Erwerb einer Bahnsteigkarte besetzten. Vielleicht war es auch Stalin der dies sprach und vielleicht geht es gar auf eine tatsächliche Begebenheit zurück. Jedenfalls rühmte Genosse Dschughaschwili schon vor über hundert Jahren die Gesetzestreue deutscher Revolutionäre. „Die Revolution bleibt zu Hause …“ weiterlesen

Das stilvolle Reisen und die dystopische Realität

Auf Reisen während dieses apokalyptischen Maskenballs wollte ich die bedröppelten Mienen der Mitmenschen erträglicher machen. Ich stehe fest auf dem Punkt, dass Menschen, ihrer Mimik beraubt, ein ganzes Stück entmenschlicht werden. Und dass in dieser dystopischen Realität Widerstand nur mit Stil, Charme und einer gewissen Chuzpe gelingt.

Daher verzichte ich bewusst auf die Maske, zumal medizinische Erkenntnisse nahelegen, dass eine Ansteckung durch Alltagsmasken kaum verhindert werden kann. Vielmehr sabbert sich der Nutzer im Laufe eines Tages die Maske so voll, dass es schon eher ungesund ist, eine solche zu tragen.

Der Griff in den Kleiderschrank, zum Sakko und dem Oberhemd ist dagegen hochinfektiös: Zusammen mit den guten Lederschuhen reist es sich ganz elegant. So lässt sich eine Maskenpflicht 1. gut konterkarieren und 2. erträglicher machen. Und drittens machen Kleider eben Leute. Das kann sich in einem gewissen Mehr an Respekt und einer Hemmung, den Zwirnträger zu maßregeln, niederschlagen. Und da ist die klassisch gute Garderobe besser als jede Mundwindel.

ghoti = /fɪʃ/ – how’s that possible?

ghoti = /fɪʃ/

Ein wichtiges Werkzeug zum Tiefenverständnis einer Sprache ist die akkurate Aussprache. Sie ist das Tor zur Ästhetik und der Einzigartigkeit. Nicht immer sind die Details offensichtlich, und sie liegen weit tiefer als nicer Youtuber-Sprech und fancy Neologismen. Dem geneigten anglophilen Linguisten mag vorstehendes Exempel sofort einleuchten. Allen anderen sei dies die Einladung, genau hinzusehen. In Zeiten von ideologischen Realitätskontorsionen („Framings“) kann dies eine Tugend werden.

Maulkorbpflicht: Eine Pest-Persona berichtet

Seit dem heutigen Tage ist das omnipräsente Virus auch im Echten Norden gefährlich. Heißt, die Untertanen müssen sich maskieren. Jeder einzelne darf sich nun auf eigene Kosten eine Persona zulegen und diese zum Durchschallen der eigenen Eigenheit gebrauchen. Böse, unfeine Zeitgenossen sprechen gar von einer Maulkorbpflicht. Das möchte ich aber so nicht stehen lassen und besinne mich lieber auf die antike Theatertradition.

Beziehungsweise

 

[Plessner, Helmut. 1924. ‚Grenzen der Gemeinschaft‘]

Der Deutsche ist stolz darauf, in seinen besten Männern das Gewissen der Welt zu sein. Aber heißt das nicht auch, für die anderen einen Spielverderber zu spielen?

Hellsichtigkeit

[Werfel, Franz. 1946. ‚Stern der Ungeborenen‘]

Zwischen Weltkrieg zwei und Weltkrieg drei drängten sich die Deutschen an die Spitze der Humanität und Allgüte. Und sie nahmen das, was sie unter Humanität und Güte verstanden, äußerst ernst. Sie hatten doch seit Jahrhunderten danach gelechzt beliebt zu sein. Und Humanität schien ihnen jetzt der bessere Weg zu diesem Ziel. Sie fanden diesen Weg sogar weit bequemer als Heroismus und Rassenwahn.

So wurden die Deutschen die Erfinder der Ethik der selbstlosen Zudringlichkeit.

Diwali

von Sven Stemmer, Lesezeit ca. 1,5 Minuten

Da ich das Glück habe, an einer Universität Deutsch zu unterrichten, komme ich mit sehr vielen Stundenten aus aller Welt zusammen. In Paderborn ist vor allem die indische Gemeinde ziemlich groß, so dass sie in jedem Jahr ihr Diwalifest in einem Hörsaal feiern. „Diwali“ weiterlesen