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Das richtige Messer finden

Das richtige Messer finden

[Lesezeit ca. 5 min.]

Ich lasse mich gerne durch literarische Vorbilder inspirieren. Es muß nicht immer Spitzenliteratur sein. Seichte Unterhaltung, wie die Brunettikrimis, tuts manchmal auch. Ich erinnere mich, daß in einer Geschichte Brunetti einen Supermarkt betritt und sich befremdet fragt, wie man an einem Ort, an dem Orangensaft in den gleichen Flaschen wie Putzmittel angeboten wird, nur seine Nahrung kaufen könne.
Ich musste ihm – durchaus beeindruckt – recht geben, kam aber schnell zu dem Schluß, daß es einfach zu teuer wäre, meinen Bedarf nur in Fachgeschäften und auf dem Markt zu decken. Dabei ist es ein Elend. Was wir so essen. Im Schnitt.
In Deutschland werden etwa 10,8 Prozent des Einkommens für das Essen verwendet. Das ist der fünft niedrigste Wert in der EU. Dennoch ist es viel, falls die Deutschen durchschnittlich über hohe Einkommen verfügen. Es gibt indes Indizien, daß das der Vergangenheit angehört. In diesen vermutlich bescheidenen 10,8 Prozent sind auch Mahlzeiten aus Schnellimbiß und Garküche enthalten, inklusive Arbeitslohn, Betriebskosten und so weiter. Gleiches gilt für Fertiggerichte, vorgefertigte Salate und der gleichen mehr aus den Discountern. Es stellt sich die Frage, wie viel Geld wirklich in die Nahrung fließt und welche Qualität man zu diesem Preis erwarten kann.
Überzeugt man nicht durch Qualität, muß man den Käufer auf andere Weise dazu bringen, immer wieder zuzugreifen. Zucker und Geschmacksverstärker sind hier die simplen Mittel der Wahl … oder anders ausgedrückt: Konditionierung durch Sucht. Denn es ist Zucker – bedingt durch die Insulinspitzen, die er hervorruft – der dem Heißhunger zugrunde liegt und der uns immer mehr vom Selben kaufen lässt.
Ich bin mir nicht sicher, um wie viel teurer das Essen würde, wenn man streng nach dem Maßstab der Qualität ginge. Im Grunde geht es um Energiezufuhr und Genuß. Will sagen, man möchte gesättig und zufrieden sein. Aber ist die Energiedichte eines guten Steaks nicht viel höher als die eines der aufgeblähten Produkte, die in der Pfanne um die Hälfte schrumpfen? Was bringt mir das Sonderangebot, das nur halb so viel kostet, wenn ich doppelt so viel davon brauche? Der Genuß jedenfalls scheint mir mit den guten Produkten weit besser erreicht. Allerdings wird man kaum vorgefertigte Mahlzeiten daraus bekommen. Das heißt, es wäre unbedingt nötig, eine alltägliche Kulturtechnik zu beherrschen, die zunehmend aus der Gesellschaft verschwindet: selber kochen zu können.
„Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles übrigens ist Spitzenliteratur, die mich inspiriert hat. Ich lernte, welche Bedeutung das Essen jenseits aller Kalorienzufuhr für uns als Individuen (oder eben auch Nichtindividuen) hat. Unter den widrigen Umständen der kommunistischen Diktatur versteht es Graf Rostov mit dem Kellner Andrej und Emilie, dem Koch im Restaurant des Hotels Metropol immer wieder den Genuß zu zelebrieren. So wird die wochenlange Vorbereitung und Zubereitung einer echten Boulliabaisse zum Akt subversiven Widerstandes. Und das ist der Kern der Sache: Von niemanden sollten wir uns vorschreiben lassen, wie wir zu leben und was wir zu essen haben. Und das will ich hier auch nicht tun. Jedem seien seine Fischstäbchen mit Ketchup ohne Häme gegönnt. So etwas von den Tellern verbannen zu wollen, ist ein totalitäres Ansinnen. Indes sollte jeder beurteilen können, was er isst und sich dabei die Frage stellen, was er sich wert ist.
Emilie arbeitet in seiner Küche mit nur einem sehr großen Messer. Er ist ein Meister in der Handhabung. Er bildet auch immer wieder junge Köche aus, denen er zur bestandenen Gesellenprüfung ein solches Messer schenkt. Der Lehrling, der ihm von den Bolschewiken zugeteilt wird, ist aber von so bahnbrechender Talentlosigkeit, dass er ihm nach der Prüfung – die er in dem Regime planmäßig zu bestehen hat – nur einen Kochlöffel überreicht.
Ist man so weit, sich einige Mühen und Kosten beim Essen wert zu sein, braucht man geeignete Werkzeuge, von denen das Messer kaum zu überschätzen ist. Deshalb bin ich immer an Angeboten interessiert. Um den Jahreswechsel wurde im Netz ein Messer mit dem rustikalen Namen >Der Wiking< vorgestellt. Man findet es auf der bemerkenswerten Seite Wikinger-Werkstatt. Nach Wikingertradition – je nach Medium, auf der es vorgestellt wird, soll es handgeschmiedet sein … auf der Seite selber bleibt man beim bescheideneren „geschmiedet“ (ich wäre aber auch so nicht auf „gestrickt“ gekommen). Umringt von Männern, die ganze Bären mit bloßen Händen zerreißen können, kann man dort zum Beispiel bewundern, wie Tomaten damit geschnitten werden. Aber auch ein zwanzig Kilo Lachs wird in Stücke gehauen, als ob Gimli den Orkenkönig vor den Toren Morias enthauptet – nun … ich dachte, ein stabiles und scharfes Küchenmesser für fünfzig Euro kann ich mal ausprobieren. Dieses Risiko ist überschaubar. Mich beschlich indes ein ungutes Gefühl, als mir in der Bestätigung mitgeteilt wurde, daß der Frachter  黑猫德国专线  das Messer brächte.
Entgegen früherer Erfahrungen kam es aber tatsächlich vergleichsweise schnell an. Nach zwei Wochen – so die Paketlaster nicht in 30 cm Schnee havarieren – kann man es in den Händen halten. Natürlich sahen Wikinger mangels Zugang zu Steroiden nicht so aus wie die Gentlemen auf der Seite. Und genau so wenig hat das Messer irgendetwas mit Schmiedearbeiten der Nordgermanen zu tun. Es ist überraschend, wie die eher räudige Plastikscheide so fotografiert und bearbeitet wurde, daß sie den Eindruck erweckt, auch nur die geringste Qualität zu haben. Das Messer selber ist nach dem ersten Eindruck sehr stabil verarbeitet und wirklich sehr scharf. Seine Schnitthaltigkeit freilich muß sich über die Zeit noch zeigen. Durch die geschwungene Form liegt es gut in der Hand und die Schnitte lassen sich gut führen. Es gleitet spielend durch trockenen und harten Schinken und eignet sich ebenso Äpfel oder Pellkartoffel zu schälen. Das eigenartige Loch in der Klinge, daß im Produktvideo vor allem dazu genutzt wird, es wie einen Colt in einem Italowestern rotieren zu lassen, hat tatsächlich einen Zweck, da man damit das Abrutschen verhindern kann. Vom Rotieren würde ich wegen der Verletzungsgefahr abraten. Ich pflege nicht Tiere, die von der Decke herabbaumeln, in Stücke zu hauen, und kann zu dieser Anwendung also nichts sagen. Die schwarze Farbe und die Zierdellen, die dem Messer den Ruch des Rohen, Wilden und Handgemachten geben soll – gut, man kann sie ignorieren. Insgesamt bin ich nicht euphorisch aber zufrieden und würde nicht vom Kauf abraten. Ich habe indes das Gefühl, daß ich nach dem perfekten Messer noch etwas suchen muß.

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