Die Apfellagerung in den Zeiten von Corona

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Wenn sich über Wochen der Eindruck vertieft, dass die sich nur zaghaft füllenden Regale in den Supermärkten von ziellos umherirrenden Panikzombies gleich wieder leergekauft werden, ist jedes verdorbene Lebensmittel besonders ärgerlich …

… was vielleicht für eine Zeit lang eine sinnvoll disziplinierende Erfahrung sein kann.

In dieser Situation besinnt man sich auf altes – schon verloren geglaubtes – Wissen. Zum Beispiel über die richtige Lagerung von Obst und Gemüse. In einem entlegenen Winkel des Hinterkopfes meldet sich eine leise Stimme, die raunt, dass man nicht jede Frucht einfach neben jede andere legen darf, weil sie sonst verderben könnten. Mehr weiß die Stimme aber leider nicht.

Zu meinem Glück konnte ich mir das Phänomen jüngst von einer ganz famosen Chemikerin erklären lassen.

Es ist der Apfel, von dem der verderbliche Einfluss ausgeht, was ihn gewissermaßen zum Sokrates unter den Obstsorten macht – oder auch zum Sloterdijk – falls man die Gegenwart bevorzugt. Und ähnlich diesen perfiden Ketzern, regt der Apfel das umliegende Obst zur Reifung an. Nicht alle Früchte sind dafür empfänglich, aber Bananen oder auch Tomaten sollte man nicht zu den Äpfeln legen, wenn sie länger halten sollen.

Der Apfel bewirkt diese Reifung durch den ungesättigten Kohlenwasserstoff Ethen (oder auch Ethylen). Es kann recht kurzweilig sein, sich am Frühstückstisch die Welt der Alkene und Alkane, der Orbitale und Doppelbindungen erläutern zu lassen … und sicher ist es zugänglicher als der nur recht eingeschränkt unterhaltsame Chemieunterricht in der Oberstufe.

Ethen jedenfalls ist ein Gas, das schon der deutsche Alchemist Johann Joachim Becher im Jahr 1669 durch Erhitzen von Ethanol und Schwefelsäure erhielt und in seinem Werk Actorum Laboratorii Chymici Monacensis, seu Physicae subterraneae erwähnte. Und sogar im alten Ägypten wurde es – wenn auch ohne eigentliche Kenntnis der Substanz – genutzt. Durch das Anritzen unreifer Maulbeerfeigen regten die Ägypter deren Ethenproduktion an – es handelt sich dabei nämlich um ein Pflanzenhormon – und beschleunigten so deren Reifung.

Und in diesem Sinne lässt es sich auch heute verwenden. Mittlerweile gibt es Tomaten, deren Gen zur Ethenproduktion ausgeschaltet ist und die daher während des Transportes nicht reifen. Am Ziel werden sie dann einfach zur Reifung in dem Gas gelagert.

Wenn man also in Zeiten von panikinduzierten Versogungsengpässen vermeiden möchte, dass das Obst zu schnell reift, dann sollte man es auf jeden Fall getrennt von den Äpfeln aufbewahren. Hierbei ist zu beachten, dass Ethen etwas leichter ist als das Luftgemisch in der Atmosphäre und es daher nach oben steigt. Manchmal aber möchte man ja etwas reifere Bananen, die nicht mehr ins Grüne spielen. In dem Fall, kann man den Effekt zum schnelleren Reifen nutzen. Und solange der Hausarrest währt, haben wir alle genug Zeit, um mit diesen Prozessen zu experimentieren.

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