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Sherlock Holmes und die leuchtende Leidenschaft

Sherlock Holmes und die leuchtende Leidenschaft

Als Kind faszinierte mich die vernebelt-gaslichtige Atmosphäre einen Computerspiels aus dem Jahre 1992: The Lost Files of Sherlock Holmes – The Case of the Serrated Scalpell (Video des Spieles auf Deutsch/Englische Originalfassung ohne die Verbaldiarrhöe eines Kommentators) spielt im viktorianischen England und hat in zahlreichen Szenen wunderschön animierte Gasbeleuchtung in VGA-Auflösung bei 256 Farben zu bieten – nebst der eigentlichen Handlung ein bleibender Eindruck. Jahre später wurde ich aufmerksam auf dieses Leuchtmittel in einer ehemals preußischen Stadt, in der das Flair der wilhelminischen Ära noch heute sichtbar ist: Breslau.

Die Rezeptionsdame in meiner Unterkunft gab mir den Hinweis, dass auf der Dominsel (Ostrów Tumski (polnische Aussprache: [ˈɔstruf ˈtumski]) Gaslaternen seien, die jeden Abend per Hand entzündet werden. 

Dieses allabendliche Schauspiel sollte zunächst meine Neugier und später meine Leidenschaft für diese Leuchtkörper entfachen.

Im Prinzip war es so einfach wie entzückend: Der Tourist wartet auf die Dämmerung am richtigen Ort, ein Herr mit Hut und Glimmstengel(!) fährt vor, steigt aus seinem Fahrzeug (hier freilich ist man im 21. Jahrhundert angekommen) und macht seine Zündelrunde. Die leicht barocke Fassade der Straßenzüge auf der Dominsel (tumsky ostrov) wird in ein wunderbares Licht getaucht, die in mir wunderbare Erinnerungen an Kindertage am Computer, genauer: im virtuellen viktorianischen England, erinnerte. 

Breslau hat durchaus noch Haushalte, die mit Kohle heizen, und nasskalt kann es im Winter auch sein. Die Atmosphäre, kontrastiert von blendfreiem Licht mit einem warmen Weiß, das sich aus dem gesamten Farbspektrum zusammensetzt [3] Gaslicht-Kultur, erzeugt eine Freude im Betrachter und ein Gefühl der Ewigkeit: Bin ich im 19. oder 21. Jahrhundert?

Etwas zeitlos Schönes, gleichzeitig hochmoderne Technik des frühen Industriezeitalters und heute eine gemütsfreundliche Lichtquelle, die das anonyme Dunkel einer fremden Stadt in eine mystische Atmosphäre taucht. 

Nach meinem Abendspaziergang setzte ich mich hin und recherchierte über das Gaslicht. Ich sollte staunen: Die Stadt mit den allermeisten Gaslaternen weltweit war und ist (West-)Berlin. Während im Ostteil der Stadt  in marxistischer Manier alles Alte vernichtet wurde, erhielt West-Berlin  eine Art „Gaslicht-Reservat“ – auch um energietechnisch autark zu bleiben hier gab es auch in jüngeren Jahren nachgerüstete Gasleuchten weniger klassischer Bauart. Allerdings sei es empfohlen, einmal des Abends durch Charlottenburg zu flanieren und das Gaslicht inmitten von Jugendstil-Häusern zu goutieren. Zudem gibt es in Berlin-Mitte das Gaslaternen-Freilichtmuseum mit einigen Exponaten zu bewundern.

Hier ist, anders als in Breslau oder Prag, die Gaslicht als Touristenattraktion für sich entdeckt haben, das Original einfach an Ort und Stelle belassen worden. Und nicht nur das: Es gibt noch heute so manch eine Stadt, die noch Gaslicht hat. Hierzu zählt neben Frankfurt (Main), z. B. in der Südstadt oder Düsseldorf (Straßenzüge am Bahndamm nahe des Hauptbahnhofs) Sachsens heimlicher Reisetipp Chemnitz zu jenen Orten, die mit althergebrachten Schönheiten aufwarten (hier gibt es neben einer interessanten Dieselstraßenbahn, die auf Bahngleisen weit ins Umland fährt, diverse schöne alte Industriebauten zu bewundern, aber auch das Wasserschloss Klaffenbach, das Eisenbahn- und Straßenbahnmuseum und so manch’ einen Jugendstil-Straßenzug mit Gaslicht.).

Warum die Gaslicht-Technik zeitlos, dem Sicherheitsgefühl in Großstädten wie Berlin zuträglich und möglicherweise ökologisch(!) sinnvoll ist, erklärt der Verein Gaslicht-Kultur e. V..

In Breslau dauert auch heute das Erleuchten eines einzigen Quartiers relativ lange. Daher war die Automatisierung des Prozesses ein folgerichtiger Schritt. Interessant ist, welch’ unterschiedliche Techniken zum automatischen Entzünden von Gaslaternen entwickelt wurden: Von Zünduhren über Druckzündung bis hin zum batterie- und sogar solarbetriebenen Zünder gibt es vielfältige Ansätze. Die Druckzündung konnte sogar elektrische Straßenlampen an- und ausschalten. Immerhin noch bis 1936 war der umhergehende Lampenanzünder in Augsburg normal im Stadtbild. Erst dann wurde die Zündung automatisiert.

Das Gaslicht ist wahrscheinlich eine der nachhaltigsten Errungenschaften des Abendlandes. Dieses zu bewahren, dürfte eine der kostengünstigsten Maßnahmen sein. Sein Zauber jedenfalls ist so demütig und schön wie eine Blume am Wegesrand, dabei menschengemacht und industriell hergestellt. Selten finden Moderne und Ästhetik, Zukunft und Vergangenheit, Kunst und praktischer Nutzen so einträchtig zueinander wie hier. 

Arnold Welsch

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