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Anbiedernde Sanftmütigkeit

Anbiedernde Sanftmütigkeit

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Dieser Gedanke kam dem Autor dieses Buchstabenarrangements beim Kontemplieren einer beliebigen Summe an Konterfeien von Zeit-Genossen. Es fiel auf, dass neben gezeigter Haltung und wohlfeiler Gesinnung eine gewisse „Gesichtskonstante“ bei jener Klientel vorherrscht.

Für die Frauen unter jenen trifft eventuell die Zuschreibung Walküre mit antigermanischer Attitüde zu, bei den Herren der Schöpfung kommt eine betont wenig kämpferische, gewissermaßen krampfhafte Sanftmütigkeit zum Vorschein: Nicht eben als Herzenshaltung, sondern als Tugendhaftigkeit signalisierender Gestus, der Unterwürfigkeit suggerieren soll – vielleicht trifft es der Begriff „Anbiederung“ besser.

Toxische Maskulinität

Gewiss ist des Öfteren von toxischer Männlichkeit die Rede, welche natürlich schädlich sei. (Konjunktiv I, da der Sprecher solcher Sätze wirklich annimmt, dass dies zuträfe.). Jedoch fehlt es solchen Menschen oft an Selbstachtung, der Erfahrung an Selbstwirksamkeit und vor allem an Selbstliebe. Sie können sich stets nur als Negativ eines Abstraktums definieren.

Man beachte die Vorsilbe αντί- in den Kreisen, wo solche Gestalten anzutreffen sind.

Ebenso wie eine Ableitung von einem Stammwort durch eine negative Verkehrung linguistisch erfolgt, so passiert dies mental. Solche Personen sind in ihrer Selbstbesoffenheit für ihr Umfeld oft weniger durch ihre Streitbarkeit aufgrund ihrer herausragenden Eigenschaften und Taten(!) anstrengend, sondern durch ihre passive Aggression, die sie ja kaum ausagieren können bzw. wollen.

Selbstgewissheit mit Folgen

Und hier fängt das Dilemma erst richtig an: Wo sich diese Persönlichkeiten (und sei nur es durch die Realität) infrage gestellt fühlen, schäumen sie auf, empören sich und werden ausfällig. Da sie niemals ihr wildes eigenes Wesen, quasi das Tier im Manne, zähmen gelernt haben, fehlt es ihnen an Manieren und Umgangsformen, um in schwierigen Momenten die Demut zu bewahren, sich einem Konflikt zu stellen und zugleich die Anmut zu haben, dies in stilvoller und respektvoller Weise zu tun.

Solche Personenheiten sind auch nicht standhaft, wenn sie auf sich zurückgeworfen sind: Sie sind anfällig für Ideologien, lassen sich von autoritärem Gestus imponieren und neigen zu totalitärer Folgsamkeit. Und sie verweigern das Denken, was sie zu brandgefährlichen Mitläufern in einer freiheitlichen Gesellschaft macht. Sie treten in Gruppen auf, die je nach vorherrschendem Zeitgeist ihre ideologische Farbe wechseln.

Woran erkennt man diese Menschen?

Nun, recht häufig ist hier die Intuition erstaunlich: Bisweilen erzeugt die Sichtung eines solchen Menschens ein aggressives Gefühl oder aber noch basaler: eine Art Abscheu. Sofern der Empfinder des Gefühls einigermaßen geerdet und achtsam ist, kann er annehmen, dass er das verdrängte Gefühl seines Gegenübers zu spüren bekommt. Dies ist wichtig zu wissen, denn das Gegenüber ist seinerseits Opfer starker, wenig artgerechter Konditionierung geworden. Ebenso biedert es sich nämlich bei seiner Umwelt an. Opfertum in Reinkultur. Dies jedoch bleibt das Feld der Metaphysik. Wer dies voller Hochmut praktiziert, schändet damit das Heilige in der Welt.

Sven Stemmer

Arnold Welsch

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