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Großartiges Panoptikum schrecklicher Zeit

Großartiges Panoptikum schrecklicher Zeit

[Lesezeit ca. 3 min.]

Vielleicht sollte ich gar nicht erst versuchen, den Eindruck zu erwecken, ich beurteilte das Essay „Jeder schreibt für sich allein“ von Anatol Regnier mit kühler, intellektueller Distanz, die mich zu jener leicht näselnden Blasiertheit befähigt, die ich gelegentlich ganz gerne inszeniere.

Vermutlich wird meine Begeisterung über diesen Text ohnehin aus jeder Zeile tropfen. Also kann ich auch gleich bekennen: Ich finde das Buch gut. Eigentlich finde ich es sogar sensationell, aber es heißt ja, man solle sich mit solchen Adjektiven zurückhalten.

Regnier zeichnet mit seinem Werk das Portrait jener Zeit, die man rückblickend gewiss als Finstersten aller denkbaren Einschnitte erkennen muß und der die Geschichte – mindestens in Deutschland aber doch eher in ganz Europa – in ein Vorher und ein Nachher unterteilt. Er erschließt einen ganzen Kontinent vielfach verwobener Autorenschicksale während der national-sozialistischen Tyrannei. Dabei geht er auf Exilanten ebenso ein wie auf jene, die nach der Machtergreifung im Land blieben. Unter Ihnen solche, die in Ihrer Verzweiflung den Freitod wählten, wie Klepper oder Fulda, andere die sich in die innere Emigration wandten, wie Kästner und wohl auch Benn und auch überzeugte Nazis oder solche, die dem Regime sehr positiv gegenüber standen wie Johst, Grimm oder Vesper. Regnier macht sich an keiner Stelle mit seinem Stoff gemein oder erliegt der Versuchung, durch denunziatorische Geste ein bisschen Gratismut abzustauben. Er bleibt jeder Zeit objektiv und nähert sich den Menschen hinter den Lebensläufen über Briefe, Tagebücher und Gesprächen mit Bekannten oder Angehörigen. Die Begeisterungsfähigkeit mancher für den Gemeinschaftsrausch nach der Machtergreifung setzt er nicht mit dem mörderischen Rassenhass der politischen Chargen gleich, zeigt, daß so manch früh Geblendeter, der in den Anfangsjahren vielleicht zu bizarren Bekenntnissen neigte, oft recht bald seinen Irrtum erkannte, wie Gottfried Benn oder daß solche, die im großen und ganzen ihrer Ablehnung des National-Sozialismus treu geblieben waren, doch auch nicht ganz ohne eine schuldhafte Verstrickung – wenn auch nur im Kleinen – diese Zeit hinter sich ließen, wie Erich Kästner. Er zeigt uns echte, lebendige Menschen in all ihren Widersprüchen, Ängsten und Hoffnungen und weist auch über den 8. Mai 1945 hinaus. So lesen wir von jenen Jahren, in denen Gudrun Ensslin mit ihrem Lebensgefährten Bernward Vesper häufig begeisterter und gern gesehener Gast auf Gut Triangel bei Will Vesper war. Ausgerechnet mit diesem fanatischen und unbelehrbaren Nazi zeigte sie so wenig Berührungsängste, daß sie eigens mit Bernward einen Verlag ins Leben rief, um die Werke seines Vaters den Deutschen wieder nahe zu bringen. Das öffnet einen tiefen und schauerlichen Blick in die Mentalitätsgeschichte des vergangen Jahrhunderts.

Regniers Text entwickelt einen ungeheuren Sog und ist vergleichbar mit Florian Illies • 1913 •. Er entfaltet – weniger vergnüglich als beklemmend – doch die gleiche Faszination und kann auch Orientierung bieten, in Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, unbehelligt und klar die eigene Meinung zu äußern. Nach der Lektüre verstand ich Hannah Arendts Bemerkung, daß nach der Machtergreifung vielen Freunden und den Intellektuellen in Deutschland allgemein, bei nur wenigen Ausnahmen, ganz überraschende, fantastisch komplizierte .. und völlig absurde Dinge zum NS einfielen. Diese steigende Flut kognitiver Dissonanz vermittelt Regnier ganz hervorragend, was ähnliche Vorgänge in unserer Gegenwart entbirgt.

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