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Tanzstunde im Parkhaus

Tanzstunde im Parkhaus

In einer mittelgroßen deutschen Stadt, unweit der örtlichen Hochschule, ist an diesem kühlen und feuchten Winterabend in einer Parkgarage mehr los als die versprengten Nicht-Home-Office-Kandidaten, die maskiert aus dem Büro zu ihrer Benzindroschke schlappen und heim zu Hund und Herd fahren. 

Heute Abend stehlen sich gar diebisch, aber bestimmt, einige Zeitgenossen aus dem Hause und versammeln sich zum Reigen. Es sind fröhliche Gesellen: Studenten und Nicht-so-ganz-Studenten, junge und junggebliebene Menschen. Durch und durch bürgerlich und unpolitisch. Selten bewusst konservativ, aber doch allesamt an der Bewahrung ihrer kulturellen Lebensgrundlagen interessiert. 

Sie wollen leben. Sie wollen tanzen. Und sie wollen gesund sein. Dafür übernehmen sie Verantwortung und akzeptieren, dass sie möglicherweise Unmut auf sich ziehen. 

Es entsteht mithin der Eindruck, es erschalle verbotene Musik, gar werde entartete Kunst werde zelebriert. Das, indes, ist gewiss zu weit hergeholt. Denn glaubt man den Medien, sind diese Menschen „nur“ lebensmüde: Sie könnten sich doch infizieren. 

Aber womit eigentlich? Mit Freude? Mit echtem Leben? Möglich. Zumindest wirken sie gesund und vital. Spätestens nach diesem Abend.

Auf jeden Fall machen Menschen einmal mehr in der deutschen Geschichte intuitiv etwas, um dem gleichgeschrittenen Fugenbreitgrau ein paar Farbtupfer aufzupinseln und um nicht länger mit dem zeitgenössischen Ungeist füßeln zu müssen.

Latein- und Standardtanz wechselt sich mit abendländischen Volkstänzen ab, zwischendurch gibt es Line-Dance- und Salsa-Blöcke. Es kommt nicht auf Meisterschaft an, jeder noch so blutige Anfänger wird einfach mitgerissen und „betanzt“, bis es gelingt. 

Irgendwie reizt das Verbotene. Und eben dieses bot einmal Gelegenheit, dass abendländische Kultur wieder sprießt und zu ihren anverwandten Menschen findet. Die Risse im spröden Asphalt unsrer Zeit ermöglichen bisweilen Undenkbares. Den Tänzern kommt es überhaupt nicht drauf an, sich in irgendwelche Traditionen zu stellen. 

Ähnlich wie ihre historischen Pendants haben die Garagen-Tänzer lediglich eine Lösungsstrategie für ihr Kulturverbot gefunden: Sie geben einen F@%# auf die Regeln und machen ihr Ding. Vielleicht ist diese Form des zivilen Ungehorsams gerade deswegen so zeit- und arglos.

Ironischerweise wird die Swing-Jugend heutzutage meist von jenen als Widerstand glorifiziert, die sich an den heute verbotenerweise Tanzenden stören würden. Diese Zeit-Genossen stilisieren sich selber gerne zum Widerstand gegen solche „Umtriebe“. Just über sowas hätte die große Hannah Arendt, Gott hab’ sie selig, vermutlich viel zu sagen.

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Sven Stemmer

Arnold Welsch

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