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Kleine schwarze Schachteln

Kleine schwarze Schachteln

Wenn Sie – werter Leser – gerne mehr Gelassenheit bezüglich des gegenwärtig offenbar hysterischen Welt- oder Zeitgeistes hätten, könnten Sie mit den Romanen von Terry Pratchett versuchen, Ihre Perspektive mit etwas Humor anzureichern.

In diesen facettenreichen Gesellschaftsbildern finden sich zahlreiche kleine Beobachtungen, die uns zum Nachdenken anregen. So gibt es auf der Scheibenwelt sogenannte Iconographen. Das sind kleine, schwarze Kästchen, durch die man sich, mit einem Sucher, ein Motiv anschaut; man drückt auf einen Knopf und es kommt ein Bild von genau diesem Motiv aus der Schachtel. Ein Wunder der Magie. Man sollte dieses Kästchen aber nicht unvorsichtig öffnen. Man weiß ja nicht, ob der kleine Kobold, der darin wohnt und die Bilder malt, nicht vielleicht gerade ein Bad nimmt und etwas beleidigt reagiert. Unsinn, meinen Sie? Gut, Pratchett schrieb Fantasyromane und das Kästchen ist ja kein Fotoapparat sondern ein Iconograph, indes … wissen Sie eigentlich, was vor sich geht, wenn Sie den Auslöser eines Fotoapparats betätigen und … wäre nicht für bedenklich viele Mitbürger die Kobolderklärung so gut wie jede andere?

Man nennt Geräte, von denen man nicht weiß, wie sie funktionieren, die man aber dennoch benutzt, Blackbox. Für die meisten sind schon Autos so etwas, wenngleich man in der Schule gelegentlich das Prinzip eines Verbrenners kennenlernt. Fernseher, Computer oder Smartphones aber entziehen sich dem allgemeinem Verständnis fast völlig und doch werden sie von fast jedem benutzt. Tritt ein Problem auf, braucht man die Hilfe eines Fachmanns. Beim Auto in der Regel auch, aber hier kann man zumindest gedanklich noch folgen. Am Computer fummelt der Spezialist auf mysteriöse Weise herum, und plötzlich läuft das Ding. Jetzt könnte er uns die größten Wundergeschichten über sein göttliches Geheimwissen verkaufen, und wäre er mit einem Knochen durch die Nase und einer Rassel um den Rechner getanzt, hätten wir das ebenso als adäquat hinnehmen müssen – zumindest wenn die Kiste wieder geht.

Diese Praxis, die zunehmend unser gesamtes gesellschaftliches Leben erfasst, nennt man blackboxing. Sie impliziert, daß immer mehr Menschen im Grunde völlig ahnungslos durch unsere technoide Gegenwart stolpern. Das setzt im Grunde ein enormes Vertrauen voraus zum Beispiel darauf, daß uns der Apple Voodoo Meister keine völlig überhöhte Rechnung stellt, aber die meisten scheinen sich dessen gar nicht bewusst zu sein.

Wie sich zunehmend zeigt, sind aber nicht nur die Durchschnittsmenschen ahnungslos, sondern vor allem solche, denen sie eine Urteilsfähigkeit zutrauen, an der man sich gerne orientieren würde. Journalisten zum Beispiel: Die Tagesschau berichtete am 16. September 2022, später auch die Deutsche Welle, von der wunderbaren Erfindung des Herrn Maxwell Chikumbutso aus Simbabwe – sicher erinnern Sie sich – es ging um einen Fernseher, der Strom erzeugen und unser aller Energieprobleme lösen sollte. Daß wir dieses Wunderwerk nicht schon längst nutzten, lag nach Ansicht der Tagesschau am grundsätzlichen Rassismus unserer Gesellschaft. (Die Möglichkeit, daß die Kobolde in diesen Geräten nicht in kälteren Klimazonen leben können, wurde gar nicht in Betracht gezogen). Lassen wir einmal bei Seite, daß wir dafür bezahlt haben, daß uns unser öffentlich rechtlicher Rundfunk zum Gespött der Welt macht. Vielleicht ist man versucht den Herrn Chikumbutso mit Herrn Edward Makuka Nkoloso aus Sambia zu vergleichen, der 1964 plante in seinem privaten Raumfahrtprogramm ein Spacegirl, einen Missionar und zwei Katzen mit einem Katapult zum Mars zu schießen. Damals gab es ein launiges Fernsehinterview, wohl um den bedauernswerten Menschen vorzuführen. Ob dabei auch Erwähnung fand, daß ihn seine Landsleute für einen Trottel hielten oder ob es eher dazu diente, Vorurteile gegen Afrikaner zu bedienen, ist nicht überliefert. Der Fall mit dem Fernseher liegt aber anders. Das lässt sich auch an einem weiteren Fall zeigen: Am 14. Juni dieses Jahres wurde Herr Jeremiah Thoronka aus Sierra Leone in Berlin dafür ausgezeichnet, daß er 2017 ein spezielles Prinzip erfand (daß die Brüder Curie 1880 entdeckten) mit dem er nun unsichtbare piezoelektrische Großkraftwerke betreibt, dessen Strom er an die arme Bevölkerung Sierra Leones verschenkt.

Ich gehe davon aus, daß sowohl Chikumbutso als auch Thoronka wissen, daß sie Unsinn erzählen, das könnte bei Herrn Nkoloso anders gewesen sein.

Die Fama will, daß in alten Zeiten westliche Kolonisatoren den naturnahen Stämmen in Amerika oder Afrika ihr Land und ihre Schätze mit wertlosen Glasperlen abgaunerten. Wer könnte es den beiden Männern verdenken, daß sie nun in gleicher Weise mit unseren Journalisten und Politikern verfahren. Chapeau! Clever gemacht.

Und es macht ein Problem unserer Gesellschaft sichtbar. Wann immer jemand eine Lösung für (ebenso wenig verstandene) Probleme unser Gegenwart präsentiert, findet sich jemand, der danach schnappt wie nach der Glasperle. Es wird nicht mehr geprüft und nicht mehr gedacht, und das ist verheerend. Ursprünglich wurde das Projekt der Aufklärung begonnen, um den Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu helfen. Heute müssen wir allem und jedem vertrauen, weil unser Alltag mit Geräten und Mechanismen organisiert ist, die wir nicht mehr im Ansatz verstehen und die uns jedem dahergelaufenen Scharlatan ausliefern. Das betrifft auch die vermeintlich großen Themen in der Gesellschaft. So können die bedauernswerten Klimakleber weder die Klimaproblematik noch die vermeintlichen Lösungen durchdringen. Zumindest liegt der Verdacht nahe, wenn sie nicht einmal den CO2 Gehalt in der Atmosphäre benennen können. Sowohl das vermeintliche Problem als auch die vermeintlichen Lösungen werden ihnen als Blackbox geliefert. Natürlich mit panikschürender Rhetorik, damit sie auch zuverlässig die ihnen zugedachte Rolle erfüllen. Ärgere ich mich indes über die Stumpfheit, mit der dieses „follow the science“ durch die Medienkanäle in das Rückenmark eines heillos überforderten Publikums gepumpt wird, übersehe ich – das muss ich mir eingestehen – dass der Versuch der Aufklärung in der Breite vor allem einen eher naiven Kinderglauben durch einen scientistischen Aberglauben ersetzt hat.

Der Mühe zu begreifen, was es mit Wissenschaft auf sich hat – das würde uns wenigstens ansatzweise von der schwarzen Schachtel befreien – unterziehen sich nur wenige.

Offenbar ist das auch nur in Teilen ein intellektuelles Problem, denn immer wenn neue Erkenntnisse alte Bestände verdrängen, werden diese von der jeweiligen, akademischen Sekte mit Verve verteidigt… umgekehrt proportional zu den schwindenden Argumenten.

So entsteht eine neue Form des Aberglaubens primitivster Ausprägung.

Man könnte an den Satz denken „Wer nicht an Gott glaubt, glaubt jeden Blödsinn.“

Der sehr plumpe, atheistische Stolz der Gegenwart, der so gerne Nietzsches „Gott ist tot“ an die Wände der Universitätstoiletten schmiert, (ohne auch nur von einem Argwohn gestreift zu sein, man könne ihn falsch verstanden haben – ja sogar, daß es hier etwas zu verstehen gäbe) schwingt diesen Satz vor allem ikonisch, als Schlagwort, als Provokation, kurz: als Artefakt wie eine Keule.

Es ist offenbar keine gute Idee den Glauben durch Wissenschaft ersetzen zu wollen, da dann das Glaubensbedürfnis am Wissenschaftssystem kondensiert und sich wie Sand als magisches Denken in dessen Getriebe setzt.

In Pratchetts Romanen durchschauen zumindest einige der einflussreichen Akteure solche Mechanismen und nutzen sie für ihre Zwecke, während unsere Protagonisten in der breite den Eindruck völliger Ahnungslosigkeit erwecken. Allerdings kann man sich auch dumm stellen und wenn es nicht Dummheit sondern Absicht ist, unsere Gesellschaft zu ruinieren, ließe sich vielleicht dagegen vorgehen, denn Pläne lassen sich leichter vereiteln als Unfälle verhindern. Nur dürfen wir nicht auf das Eingreifen Oma Wetterwachs‘ hoffen (der vermutlich berühmtesten Hexe auf Prachetts Scheibenwelt) sondern müssen selber tätig werden. Ein erster Schritt dagegen wäre: Bleiben Sie skeptisch.

Sven Stemmer

Arnold Welsch

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