Stoppt das Geschwafel

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 3 min.]

In seinem neuen Buch Widerworte geht Alexander Kissler den Phrasen in der Politik auf den Grund. In fünfzehn Kapiteln von „Heimat gibt es auch im Plural“ bis „Wir müssen zur Sacharbeit zurückkehren“ führt er den Lesern vor, wie die Phrase – abgesehen von der ästhetischen Zumutung – vor allem eines ist: ein Werkzeug um Interessen zu verschleiern und durchzusetzen und Kritik zu zerstreuen oder zu desavouieren. Niemals ist sie eine belastbare Aussage. Kissler zeigt dies in gewohnt gekonnter, zugänglicher und lesenswerter Weise.
Die totale Abwesenheit von Sinn in Phrasen zeigt sich deutlich im Kapitel 4 „Jeder verdient Respekt“. Hier bemerkt Kissler

„Verdienst ist Resultat einer Leistung. Was jeder verdienen soll, kann sich keiner Leistung verdanken. […] Beifall für alle ist Einverständnis mit nichts.“

Das liegt auf der Hand. Aber konfrontiert mit der Phrase, die mit ihrer melasseartigen Viskosität das Denken verschmiert und unendlich erschwert, ist es eben eine Evidenz, die doch jemand aussprechen muss. Aus diesem Einverständnis mit nichts folgt noch mehr:

„Ein universales Desinteresse am Menschen tönt aus der Phrase, jeder verdiene Respekt. Man kann sie nur aussprechen, wenn einem alles egal ist.“

Es zeigt sich, dass der Satz ein vollendeter Widerspruch in sich selbst ist. Zu einem solchen bemerkte Mephistopheles in der Hexenküche [Faust I], dass er gleich geheimnisvoll bleibt für die Klugen wie die Dummen. Aber:

„Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“ [J.W.v.G, Faust I, Vers 2565 & 2566]

Dieses Denken setzt in der Regel auch ein. Denn alles Wahrnehmbare, das den Verdacht erweckt, es könne einen Sinn verbergen, wird interpretiert. Bilder gleichermaßen wie Worte. Andernfalls könnten wir keine Tiere oder Gesichter in Wolken erkennen. Aktiv und bewusst interpretieren freilich nur die Wenigsten. Die trägeren oder dümmeren Leser neigen eher dazu, sich der Meinung ihres Milieus anzuschließen. Das Bemerkenswerte solcher Interpretation ist, dass man, ganz gleich wie wolkig die Phrase daherkommt, das Seine daraus entnehmen kann. Oder das Gegenteil davon.
So bemerkt Kissler, dass das Motto „Haltung statt Hetze“ bereits im Jahr 1934 in einer Schrift des Pfarrers Dr. Friedrich Grünagel dazu animieren sollte, doch nicht mehr gegen die neue Staatsführung zu hetzen und eher die Errichtung einer Reichskirche anzustreben. Heutzutage gibt die Phrase freilich vor sich gegen Chauvinismus, Rassismus und dergleichen Unappetitlichkeiten zu wenden. Tatsächlich aber ist der Verdacht nicht unbegründet, dass sie heute wie damals polarisieren und die abweichende Gruppe als die Böse markieren soll. Das funktioniert ganz ohne begriffliche Klärung der Worte Haltung und Hetze, ganz ohne Argumente, ja es eröffnet sogar die Möglichkeit, den „Hetzern“ jeglichen Diskurs zu verweigern. Diese Phrase ist keine Aussage. Sie ist auch kein Appell. Sie ist ein Diskriminierungsakt mit dem Werkzeug des Wortes.
Im letzten Kapitel „Wir müssen zur Sacharbeit zurückkehren“ zeigt Kissler, wie Phrasen Verantwortung verschleiern oder gar anderen .. zum Beispiel den Kritikern .. zuschieben. Erfrischend knapp fasst er hier das Wesen der Politik in der Frage zusammen

„Wer will was, von wem, mit wem, gegen wen?“

Nach der Lektüre des Buches spüre ich eine große Sehnsucht danach, dass genau diese Frage behandelt und das Geschwafel endlich eingestellt wird.

Vor Deiner Tür

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 2 min.]

Es ist Sommer – ja, die kürzeste Nacht des Jahres liegt schon wieder hinter uns. Die Ferien in Schule und Uni sind nicht mehr weit, und wer sparsam wirtschaftet, weiß in der Regel schon seit Oktober, auf welches ferne Atoll ihn sein Billigflieger dieses Jahr bringen wird. Nur schnell die Kinder bei ihrer Fridaysdemo eingesammelt und bei Primark noch ein paar günstige T-Shirts und Schwimmleibchen besorgt und schon gehts .. ab in den Süden [der Sonne hinterher]. „Vor Deiner Tür“ weiterlesen

Korrellation ist NICHT(!) Kausalität

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 2 min.]

Es ist offenbar ein Krieg entbrannt, um die Deutungshoheit in der Frage was Fakten und was alternative Fakten sind. Ich glaube, es sind zwei Antworten darauf denkbar. In dem einen Fall, gehe ich davon aus, dass beides Fakten sind, die lediglich von unterschiedlichen Seiten herangezogen werden, um den je eigenen Standpunkt zu untermauern. In diesem Fall ist aber die Unterscheidung überflüssig und das Gerangel um die Begriffe ergibt keinen Sinn. „Korrellation ist NICHT(!) Kausalität“ weiterlesen

.. Installationen im öffentlichen Raum.

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 1,5 Minuten]

Wenn man sich den Blick für die Schönheit und Poesie des Alltags erhalten hat, entdeckt man in Feld und Flur und auch in den urbanen Räumen Bilder von entrückender Schönheit und prägender Kraft. Es sind gleichsam Stilleben des Zufalls, die einen van Gogh zum Pinsel, einen Rilke zur Feder oder eine Sherman zum Fotoapparat greifen ließen. „.. Installationen im öffentlichen Raum.“ weiterlesen

Ein Gentleman in Moskau

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 4,5 min.]

Da der Herbst tagespünktlich Einzug gehalten hat (was ihn von der Deutschen Bahn unterscheidet), wird es in den nächsten Monaten reichlich Gelegenheit für die überaus gesunde und nützliche Langeweile geben. Wenn man indes mit einem regenreichen Tag noch anderes anfangen möchte, tauchen wieder die Fragen nach geeigneter Lektüre auf. Ich entdeckte in diesem Sommer den amerikanischen Romancier Amor Towles als einen Kandidaten für die Liste meiner Lieblingsautoren. „Ein Gentleman in Moskau“ weiterlesen

Streuobstwiesen zu Kriegsgewinnlern

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 1,5 min.]

Als im Jahre 1805, zur Zeit der dritten Koalition, Napoleon Bonaparte sich mit seinen Truppen nach Osten wandte, brachte er viele Jahre des Schreckens in die zahlreichen deutschen Länder und weiter nach Osten bis nach Russland. Der ganze Spuk dauerte nur elf Jahre und zumindest in der Verwaltung konnte hierzulande etwas von den Franzosen gelernt werden. „Streuobstwiesen zu Kriegsgewinnlern“ weiterlesen

.. lustwandeln

[von Sven Stemmer, Lesezeit ca. 1,5 min.]

Jedes Jahr, Anfang September, eröffnet für mich der Detmolder Kunstmarkt die Reihe von Märkten, Messen und Ausstellungen, die sich durch den Herbst ziehen und schließlich in den Weihnachtsmärkten ihren Höhepunkt finden.

Bestes Wetter über dem Schlosspark in Detmold

Es ist für mich wie ein erweitertes und sehr ausgedehntes Erntedank, wobei ich hier die Ernte aus dem Ideenreichtum von Tüftlern, Künstlern oder Autoren meine, die sehr viel von sich geben, um unser Leben schöner zu machen. „.. lustwandeln“ weiterlesen