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Wenn die zahmen Hunde wild werden

Wenn die zahmen Hunde wild werden

Eine bretonische Notiz über Fortschritt, Verachtung und Zähne

Ar chas doñv yelo da ouez.

Die zahmen Hunde werden wild werden.

Manche Sätze tragen ein ganzes Volk in sich. Dieser bretonische Satz tut es. Man kann das Lied rasch als nationalistisches Lied einsortieren, wenn man mit den üblichen Schubladen zufrieden ist. Aber das wäre zu wenig. Es ist kein bloßes Heimatlied, kein sentimentales Landschaftsbild, kein folkloristischer Nachklang aus einer hübsch bestickten Vergangenheit. Es ist eine Warnung.

Bretonisch ist eine keltische Sprache. Wer sie nicht kennt, hört zunächst Fremdheit. Aber gerade diese Fremdheit ist lehrreich. Doñv heißt zahm. Ouez heißt wild. Dazwischen steht yelo da: wird gehen zu, wird hinübergehen in, wird werden. Das ist keine bloße Zustandsbeschreibung. Es ist Bewegung. Verwandlung. Ein Übertritt.

Die zahmen Hunde werden nicht einfach plötzlich wild sein. Sie gehen hinüber in die Wildheit.

Das Lied beginnt nicht mit Aufstand, sondern mit Erniedrigung. Mit einem Joch. Mit hohen Herren. Mit Verachtung und Hochmut. Mit einem „wir“, das gelernt hat, still und demütig zu leben. Jahrhundertelang, sagt der Text. Jahrhundertelang Schande.

Das ist die Lage der Gezähmten.

Gezähmt ist nicht dasselbe wie friedlich. Gezähmt heißt: an fremde Hände gewöhnt. An fremde Befehle. An fremde Sprache. An fremde Maßstäbe. Ein gezähmtes Volk hat gelernt, sich selbst durch die Augen anderer zu sehen. Es weiß, wann es schweigen soll. Es weiß, wann es sich entschuldigen soll. Es weiß, wann es lächeln soll, wenn man seine Sprache Mundart nennt, seine Frömmigkeit Rückständigkeit, seine Landschaft Provinz und seine Erinnerung Folklore.

Dann geht der Wind durch die Wälder und Heiden. Der Wind des Ankoù.

Der Ankoù ist keine hübsche Sagengestalt für Touristen. Er ist der Tod in bretonischer Gestalt. Der Text ruft ihn nicht zufällig auf. Hier spricht kein Verwaltungsbezirk. Hier spricht eine alte Landschaft mit Knochen unter der Erde.

Und dieser Wind bläst aus dem Osten.

Von der Bretagne aus liegt dort nicht das Gelobte Land, sondern Paris. In anderen Ländern hätte der Wind andere Himmelsrichtungen; hier kommt er aus Richtung Schule, Verwaltung, Sprachverbot und Akte. Der Wind des Ankoù ist kein Aufbruchswind. Er fährt durch Wälder und Heiden wie etwas, das nicht beleben, sondern abtöten will. Der Text sagt nicht: alle Franzosen. Er sagt kälter: Manche werden es bereuen. Die Zähmer zuerst.

Dann kommt der erwartete Tag. Das Volk erwacht. Von den Monts d’Arrée bis nach Nantes. Auch das ist kein Reiseprospekt. Nantes gehört nicht zufällig in diese Zeile. Wer Nantes nennt, nennt die historische Bretagne, nicht die verwaltungsmäßig zurechtgestutzte. Der Satz zieht die alte Karte gegen die neue Akte.

Und dann:

Ar chas doñv yelo da ouez.

Die zahmen Hunde werden wild werden.

Man kann diese Zeile auch gegen Friedrich Engels lesen. Nicht gegen Engels als Schreckpuppe, nicht als billigen Bösewicht für Konservative, die ihre Klassiker nie gelesen haben. Sondern gegen eine bestimmte Kälte des Denkens, die bei ihm exemplarisch hervortritt.

Engels sah in der Revolution von 1848/49 nicht nur Klassen, Programme und politische Lager. Er sah Völker, die in die Geschichte passten, und andere, die störten. Die Bretonen konnten ihm in dieser Logik als „Völkerabfälle“ erscheinen: als Reste, Anhängsel der Reaktion, Völker ohne Zukunft, weil sie nicht in seine Vorstellung von Fortschritt passten.

Das ist die gefährliche Stelle.

Denn hier kippt Befreiungsrhetorik in Verachtung. Wer nicht in den großen Plan passt, wird zum geschichtlichen Abfall. Wer nicht revolutionär genug ist, ist nicht etwa anders, verwundet, gebunden, religiös, bäuerlich, eigensinnig oder vorsichtig. Er ist erledigt. Ein Hindernis. Material für das Urteil der Geschichte.

Diese Denkform ist eine der großen Brandlasten des 19. Jahrhunderts. Das 20. Jahrhundert hat für solche Sortierungen genügend Anschauungsmaterial geliefert.

Der Fortschritt liebt seine Abstraktionen. Volk, Klasse, Menschheit, Zukunft. Je größer das Wort, desto leichter verschwindet der konkrete Mensch darin. Der Bretone mit seiner Sprache. Der Bauer mit seinem Rosenkranz. Der Sänger mit seinem alten Lied. Die Landschaft mit ihren Toten. Die Mutter, die noch ein Wort weiß, das der Staat nicht braucht.

Das bretonische Lied antwortet darauf nicht mit Theorie. Es antwortet mit einem Tierbild. Nicht die Revolutionspose beißt zurück. Das Volk tut es — in der Sprache, die man ihm abgewöhnen wollte.

Die zahmen Hunde werden wild werden.

Das ist nicht nett. Aber Wahrheit hat selten die Manieren, die ihre Zensoren ihr vorschreiben. Denn wer gezähmt wurde, muss nicht für immer gezähmt bleiben. Und wer still war, war darum nicht einverstanden. Manchmal war Schweigen nur die Form, in der ein Volk überlebt hat.

Die Herren der Geschichte verwechseln Zähmung gern mit Wesen. Sie halten Gehorsam für Natur, Sprachverlust für Einsicht, Anpassung für Zustimmung. Sie glauben, ein Volk sei verschwunden, wenn es seine Sache nicht mehr in den Hauptstädten vorträgt.

Aber ein gezähmter Hund ist kein Möbelstück.

Er erinnert sich.

Und er hat Zähne.


Quellennotiz

Die Engels-Passage bezieht sich auf Friedrich Engels, „Der magyarische Kampf“, zuerst erschienen in der Neuen Rheinischen Zeitung. Organ der Demokratie, Nr. 194, 13. Januar 1849; wiederabgedruckt in Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 6, Berlin: Dietz, S. 165–176. Dort behandelt Engels die von ihm sogenannten „Völkerabfälle“ und nennt in diesem Zusammenhang auch die Bretonen als „Stützen der Bourbonen von 1792 bis 1800“. Die spätere Zuspitzung, der nächste Weltkrieg werde auch „ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen“, und dies sei „auch ein Fortschritt“, gehört in dieselbe Argumentationslinie. Die hier verwendete Quellenzusammenstellung verweist auf die NRhZ Nr. 194 vom 13. Januar 1849, S. 2, auf die standardisierte MEW-Fassung sowie auf die einschlägigen Formulierungen „Völkerruinen“, „Völkerabfälle“, „gänzliche Vertilgung oder Entnationalisierung“.

Zur wissenschaftlichen Einordnung vgl. Diane Paul, “‘In the Interests of Civilization’: Marxist Views of Race and Culture in the Nineteenth Century”, Journal of the History of Ideas 42/1, 1981, S. 115–138, DOI: 10.2307/2709420. Paul behandelt Marx’ und Engels’ Sicht auf Rasse, Kultur und Zivilisation im 19. Jahrhundert und ordnet Engels’ Aussagen zu „reaktionären Völkern“ in diesen Zusammenhang ein. Die Arbeitsnotiz verweist außerdem auf Paul, S. 137, sowie auf Rosdolsky/Himka zur Theorie der „nonhistoric peoples“.

Zur speziellen Nationalitätenfrage bei Engels vgl. Roman Rosdolsky, Engels and the “Nonhistoric” Peoples: The National Question in the Revolution of 1848, herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von John-Paul Himka, Glasgow: Critique Books, 1986.

Sven Stemmer

Arnold Welsch

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