Ach, Patriotismus

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 4 min.]

,Patriotismus‘ – wird zuweilen Oscar Wilde zitiert – ,Patriotismus ist die Tugend der Boshaften‘. Oscar Wilde wird eine gehörige Portion Narzissmus nachgesagt. Wenn auch ;Das Bildnis des Dorian Gray“ diese Vermutung stützt, möchte ich mich da nicht festlegen. Indes klingt dieser Satz ein wenig selbstgefällig und da ich den Zusammenhang nicht kenne, kann ich den Eindruck nicht korrigieren.
Dem Urteil dieses Erzdandys nach sind Patrioten also boshaft, allerdings in der Diagnose seiner Gegenwart, die sich erheblich von unserer unterscheidet.
Heute ist die Lage weitaus verzwickter, nicht zuletzt, weil wir zumindest psychisch noch an den Folgen zweier Weltkriege leiden. Für die mentale Aufrüstung in diesen Waffengängen musste eben auch der Patriotismus herhalten, was ihm einen unangenehmen Beigeschmack bescherte.
Allerdings wurde auch damals schon nicht selten die Formulierung ,nationale Gesinnung“ gewählt, was etwas ganz anderes ist. Viele Menschen bemühen sich zu zeigen, dass sie ihrem Herkunftsort positiv verbunden sind, dies aber nicht mit einer Verachtung aller anderen Orte verknüpfen. Letzteres verstehen sie meist unter Nationalismus, dem sie Ersteres als Patriotismus entgegensetzen.
Das ganze wirkt ein wenig unbeholfen, weil sich selten jemand bemüht beide Worte durch Definition zu Begriffen zu formen, die sich klar voneinander abgrenzen ließen. Gerne werden auch eigenwillige Wortneuschöpfungen wie ,Verfassungspatriotismus‘ ins Gespräch gebracht, worunter man sich noch weniger vorstellen kann. Solange man nicht genau weiß, worüber man spricht, kann man eben über alles – also über nichts – reden. Zumindest die Jugendorganisation der Grünen präzisierte ihre Sicht auf den Begriff, als sie der Mutterpartei mitteilte, dass Heimat bzw. Patriotismus kein geeigneter Frame für grüne Politik sei. Übersetzen wir ,Frame“ an dieser Stelle vielleicht mit ,Bezugsrahmen“ und lassen die weit weniger harmlose ,Sprachregelung“, hinter der sich stets Manipulation und Propaganda verbirgt, beiseite.
Ich habe allerdings den Eindruck, dass Patrioten ihre Weltsicht und Heimat nicht als Frame auffassen und vielleicht wäre es an der Zeit einmal wechselseitig zu klären, wovon eigentlich jeder spricht und nicht dem Gegner bei diffusen Konzepten und Gedankengängen erstmal Bosheit zu unterstellen.
Mir fällt auf, wie oft Patriotismus offensiv oder entschuldigend vertreten wird. Manche wünschen sich mehr Patriotismus in der Bevölkerung, verweisen darauf, dass es woanders ganz normal ist, Patriot zu sein oder reklamieren ihr Recht, das wohl noch sagen zu dürfen. Immer ist da eine nervöse Wachsamkeit, die den Angriff erwartet. Das liegt daran, dass gegenwärtig der Patriotismus mit einer rechten Gesinnung assoziiert wird, was nur allzu oft synonym mit ,rechtsextrem‘ zu verstehen ist. In der absurdesten Variante finden sich also Wandervereine in einem Topf mit ideologischen Massenmördern wieder, was die Urheber solcher Gleichsetzungen nicht im mindesten zu irritieren scheint. Besonders betont wird der Patriotismus dem Anschein nach genau dort, wo jeder positive Bezug zum Eigenen unter einen besonders drastischen Generalverdacht gestellt wird. Knapp gesagt, wird es den Betroffenen unmöglich gemacht, ganz gelassen sie selber zu sein. Vielleicht hat Patriotismus etwas mit Bosheit zu tun, aber das hat Ursachen. Die Herablassung, mit der sich mancher darüber äußert, erscheint in diesem Licht als äußerst böser Zynismus.
Dennoch erscheint der Patriotismus als eine Art Pflaster oder Salbe: Wenn man mir das Sosein nicht zugestehen will, dann bin ich es erst recht. Dann setze ich ein Zeichen und bin Patriot! Ich frage mich, ob – wenigsten gegenwärtig – der Patriot nicht immer schon der Verletzte ist, der die Rolle des Angegriffenen, des Opfers im Spiel dieses Zeitgeistes zu verkörpern hat. Jeder sollte sich gut überlegen, ob er diese Rolle spielen will.
Vielleicht ist es ein Weg, statt auf den Patriotismus auf die Selbstachtung zu setzen. Damit bliebe jeder erst einmal bei sich und müsste sich nicht auf ein mystisches Kollektiv beziehen, dass ja nun ebenso patriotisch sein sollte, damit die Rechnung aufgeht. Ich denke, es ist eine sehr normale Angelegenheit, sich in der Landschaft wohl zu fühlen, der man entstammt, die eigene Sprache, den Klang der Satzmelodie, die Form der Gedanken gerne zu hören und sich herzlich mit seinen Nachbarn und seiner Familie verbunden zu fühlen. Es ist auch nicht abwegig anzunehmen, dass es den Menschen im Nachbardorf ähnlich geht, wodurch sich das Gefühl der Solidarität einstellen mag. Vielleicht erkennt man, dass man gemeinsame Interessen hat, die man auch gemeinsam vertritt. Durch unsere Selbstachtung wissen wir, was wir tun sollen und was nicht mit unseren Werten vereinbar ist. Und wir wissen auch, was wir nicht mit uns machen lassen. Vielleicht ist das sogar so etwas wie Patriotismus. Aber einer, der darauf verzichtet, sich selber zu bezeichnen.

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