Jenseits des Nichts I

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 3 min.]
Wenn man noch vor einem Jahr ins Kino ging, um einen Marvelstreifen zu sehen, konnte man sich auf eine rasante und bonbonbunte Action-Geschichte voller Blödsinn und Situationskomik freuen, die einem schön die Sorgen aus dem Gehirn blies. Mittlerweile hat das Schicksal der Bondfilme, die seit Casino Royal mit Daniel Craig [2006] nicht mehr im mindesten komisch sind, auch die Superheldenfilme ereilt. Im letzten Streifen ‚Endgame‘ dominieren Anthrazit, Grau und Schwarz und setzen die Stimmung der Protagonisten treffend ins Bild.
In der Anfangssequenz (nach einem kurzen Prolog) blickt Ironman von der Brücke seines Raumschiffs, das in einer vorangegangenen Schlacht havariert war, in den unermesslichen Abgrund des Nichts, mit dem er weit außerhalb der Galaxie konfrontiert ist. Der Anblick verströmt große Kälte und absolute Einsamkeit, die jede Hoffnung auf Trost auslöscht. Natürlich trägt Tony Stark es wie ein Mann – so wünscht sich das Publikum seine Helden – und bemerkt in einer letzten Nachricht an seine Frau lässig:

Mal abgesehen von der existenziellen Angst, die der Ausblick in die unendlich Leere des Weltalls auslöst, würde ich sagen, ich fühle mich heute etwas besser.

Das Bild ist sehr stark. Ich denke, weil es eine Allegorie der vielleicht größten und existenziellsten Angst ist, mit der wir uns auseinandersetzen müssen – der Angst vollkommen verlassen zu sein.
Dabei geht es nicht lediglich um eine räumliche Trennung. Vielmehr ist gerade die Einsamkeit inmitten anderer das Beängstigende, weil man eben nicht einfach von einer einsamen Insel oder aus fernen Galaxien zurückkehren muss und das Problem wäre dann gelöst. Die Frage ist, wie die vermutlich größte Distanz zwischen zwei Menschen überwindbar wird. Die der Einfühlung und des Vertrauens. Um die Einsamkeit zu brechen, muss man bereit sein, sich in den anderen vollkommen einzufühlen, der andere muss ein rückhaltloses, vollkommenes Vertrauen aufbringen. Im Grunde geht es um das Urvertrauen, das wir alle aus gutem Grund abgelegt haben. Vielleicht erscheint die Kindheit in der Rückschau deshalb als eine Zeit ohne Einsamkeit.
Das ist vermutlich die schwerste Aufgabe, der wir uns als Menschen stellen müssen. Die Eheschließung wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Zauberritual, das in der Verbindung durch die magischen Ringe eine endgültige Zweisamkeit herstellt und die Einsamkeit damit aufhebt. Sehr oft bekommen die Ehepartner dann mit ihren Kindern eine Aufgabe, mit der die Tage über Jahre und Jahrzehnte hinweg so ausgefüllt sind, dass die Aufgabe, die große Leere zwischen beiden Eltern immer wieder zu überbrücken in den Hintergrund tritt. Von wie vielen Paaren weiß man, dass sie nur noch wegen ihrer Kinder zusammen sind. Und wie viele fallen in diesen unermesslichen Abgrund des Nichts und finden sich untröstlich und entsetzt in der Einsamkeit wieder, sobald das letzte Kind ausgezogen ist. Dann mag es so wirken, dass die ewig fortdauernde Aufgabe, zueinander zu finden, nicht mehr zu bewältigen ist.
In einem Gespräch wurde ich vor kurzem mit der Ansicht konfrontiert, dass wir alle – egal ob in einer Beziehung oder nicht – vor allem eines seien: furchtbar einsam. Nur gelegentlich tauchten wir daraus auf in eine freundlich wärmende Illusion von Liebe oder Freundschaft.
Das mag vielleicht stimmen. Man mag es sogar für wahrscheinlich halten. Aber mindestens eventuell gibt es doch etwas anderes, worauf wir hoffen dürfen. Etwas jenseits des unermesslichen Nichts. Und die Aufgabe besteht darin den Weg zu finden. Was bleibt uns anderes, als darauf zu hoffen. Machen wir uns auf die Suche. Wie lautet die Frage, die uns zum Anfang dieses Weges führt?

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