Jenseits des Nichts II

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 4 min.]

Nehmen wir uns vor, die große Leere, die sich oft zwischen Menschen befindet, zu überbrücken, müssen wir erst die Frage klären: Gibt es etwas diesseits des Nichts? Denn jeder Brückenbau braucht erst einmal ein tragfähiges Fundament.
Sollte sich diese Frage mit einem ‚Ja‘ beantworten lassen, dann stellt sich gleich die zweite Frage: Wie ist denn das beschaffen, was sich auf meiner Seite des Nichts findet. In einem gewissen Umfang ist das Entsetzen an der Einsamkeit immer auch der Unwille daran, mit sich selber alleine zu sein. Wenn es so ganz still wird, in der Wohnung und allein das Ticken der Uhr verrät, dass sich die Zeit langsam verliert, bekommen wir mitunter ein Gefühl dafür, was eigentlich mit uns los ist. Das ist in den meisten Fällen keine schöne Erfahrung. Zum einen entdecken wir nicht selten Seiten an uns, die wir lieber nicht hätten. Zum anderen stellen wir vielleicht fest, dass wir auch unter einer großen inneren Leere leiden. Ja, oft wünschen wir uns so verzweifelt die Gesellschaft anderer Menschen, weil wir genau diese Leere auffüllen möchten. Das Nichts im Außen haben wir dann verinnerlicht. Das ist keine Grundlage, auf der sich eine Brücke bauen ließe. Der Andere wäre mir nur ein Mittel, um einen Mangel in meinem eigenen Leben zu füllen. Doch diese Leere ist ihrer Natur nach unersättlich. Wir können sie durch niemanden auffüllen. Und ich begegne dem Anderen auf diese Weise auch nicht, sondern ich konsumiere ihn. Das kann nicht funktionieren.
Für eine gute Grundlage muss ich mir oft schmerzhaft Rechenschaft über mich selber geben. Doch was spricht dagegen, die unschönen Seiten, die wir in uns entdecken, zur Kenntnis zu nehmen, zu lernen sie zu ertragen und sie dann zu transformieren? Und ist es nicht auch ohnehin in meinem Sinne, mich selber nach meinen Wünschen und Sehnsüchten zu befragen, bis ich eine Antwort in mir gefunden habe, die es mir erlaubt, aus diesem inneren Reichtum heraus die innere Leere mit ganzen Landschaften und Kontinenten meiner Seele auszufüllen? Müssen wir nicht zunächst in dieser Weise mit uns selber im Reinen sein, wenn wir den Versuch wagen wollen, zum anderen eine Brücke zu bauen?
In dem Sciencefictionstreifen Avatar [2009] muss der Veteran Jake Sully herausfinden, was sich eigentlich auf seiner Seite des Nichts befindet. Nach einer Kriegsverletzung an den Rollstuhl gefesselt, fristet er ein deprimierendes Dasein auf der vollkommen zubetonierten Erde, deren tristes, finsteres Grau lediglich durch grelle Neonreklame aufgerissen wird. Er bekommt die Gelegenheit, an Stelle seines eben ermordeten Zwillingsbruders in eine weit entfernte Welt zu fliegen, um dessen sehr kostspieligen Avatar zu steuern. Wie vieles, das große Ängste und Sehnsüchte gleichermaßen berührt, spielt auch diese Geschichte weit – sehr weit – entfernt. Sully wird in Kryostase versetzt und in einem Raumschiff sieben Jahre lang durch die Galaxie geschossen. Auf dem Mond Pandora angekommen, verlinkt man ihn mit seinem Avatar, der den Körpern der Ureinwohner dort entspricht. Vereinfacht ausgedrückt: Sullys Geist wird in diesen Körper versetzt. Sofort durchflutet ihn eine Woge unbändiger Lebensfreude. Er beginnt zu rennen, den Sand zwischen den Zehen zu spüren, tief die Düfte des Waldes einzuatmen und den überwältigenden Geschmack fremder Früchte zu entdecken. Kurz: Aus seinem gebrochenen und entfremdeten Dasein befreit, versetzt in eine unmittelbare, beglückende Körperlichkeit, spürt er sich wieder selber. Soweit, so gut. Aber er ist in diese fremde Welt gekommen, um sich als Soldat das Geld zu verdienen, das er benötigt, um seinen eigenen Körper heilen zu lassen. Anders ausgedrückt sucht er einen Weg sein entfremdetes Leben – lediglich ein bisschen weniger kaputt – weiter zu führen. Auch wer den Film noch nicht gesehen hat, mag vielleicht ahnen, dass dieser Plan sich nicht so ohne weiteres umsetzen lässt. Für den Moment mag der Gedanke ausreichend sein, dass die ersten Schritte, die klären können, was diesseits des Nichts ist, von bestechender Einfachheit sind. Es ist auch keinesfalls nötig, dafür an das andere Ende der Galaxis zu reisen. Für manche mag es aber ähnlich weit sein. Wie wäre es zum Beispiel, an einem schönen Altweibersommertag die Schuhe und Strümpfe auszuziehen, das Gras zwischen den Zehen zu spüren und über sonnenwarmes Pflaster zu einer Eisdiele zu gehen. Dort probiert man eine Sorte, die man bisher nicht kannte. Lavendel zum Beispiel. Dabei sollte man nicht zu viel denken, am besten nur empfinden, alle Sinneseindrücke und vielleicht auch die erstaunten oder belustigten Blicke der Passanten. Das ist noch nicht viel. Aber es ist ein erster Schritt – und der kann gar nicht überschätzt werden.

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