Jenseits des Nichts III

[von Sven Stemmer, Lesezeit ca. 6 min.]

Die unmittelbar beglückende, körperliche und sinnliche Erfahrung, die wir machen, wenn wir nach langer Zeit wieder einmal einen nackten Fuß aufs Gras setzen, salzige Seebrisen einatmen, die andächtige Stille eines Herbstwaldes betreten oder die Beine in ein eisiges Kneippbecken stellen, stoßen eine Tür auf, durch die wir sofort einen starken Kontakt zu uns selber herstellen. Wir bekommen ein starkes und gutes Selbstgefühl.
Wenn diese Tür einmal geöffnet ist, können wir die Gelegenheit nutzen und ein wenig bei uns selber verweilen. Und ich spreche nicht von der viertel Stunde oder Stunde, die man sich ohnehin jeden Tag wenigstens gönnen sollte. Vielmehr denke ich an einige Wochen, eher Monate. Das scheint mir plausibel: Mein Gedanke ist, dass unsere Bindung zu Freunden, Familie und Liebespartnern gestört oder unterbrochen ist und wir uns in der großen Einsamkeit inmitten dieser Menschen finden, weil die Verbindung zu uns selber, zu unseren Gefühlen, Sehnsüchten und Träumen in erheblichem Maße zerrüttet ist. Jesper Juul spricht davon, dass ganze Generationen unserer Gesellschaften ein völlig gestörtes Selbstgefühl haben. Wir könnten versuchen nachzuforschen, wie es dazu gekommen ist, aber wir werden immer die gleichen, langweiligen Geschichten von gehetztem Alltag, Belastung im Beruf und enttäuschten Hoffnungen finden, die so uninteressant sind, dass niemand sie hören mag. Wir sollten das auf sich beruhen lassen, denn zum einen wissen wir auch so, dass wir wahrscheinlich schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten dieses Selbstgefühl vernachlässigen. Genau deshalb sollten wir uns einige Monate Zeit nehmen, um ein anderes Verhältnis zu uns selber zu bekommen.
Zum anderen soll diese Nachforschung Ursachen herausfinden, die uns bei der Lösung kein bisschen helfen, aber die uns Verantwortliche, wenn nicht gar Schuldige für unser Dilemma sehen lassen. Und dann bewegen wir uns wieder in eine vollkommen falsche Richtung. Wir sehen dann all die Enttäuschungen, Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten, die irgendwer uns angetan hat, wir sehen die schlimme Gesellschaft, die uns den Weg zu unserem Glück verbaut, die gemeine Exfreundin, die nichts im Sinn hat, als uns weh zu tun, die fiese ältere Schwester, die böse Stiefmutter, Rumpelstilzchen und die Alte am Waldrand, die nicht mal guten Tag sagen kann und deren Haus so verdächtig nach altem Lebkuchen aussieht. Kurz wir kramen jedes finstere Bild für diese Welt hervor, an denen sich auch Märchenerzähler und Drehbuchautoren bedienen und wecken unseren „Gerechtigkeitssinn“ und unseren Zorn.
Und all das ist vollkommener Humbug!
Dysfunktionaler Humbug zudem, denn der Zorn verhilft uns sicher nicht zu einem besseren Kontakt zu unseren Mitmenschen. Vor allem aber lügen wir uns die Tasche damit voll. Es mag zwar für manche schwer vorstellbar sein, aber die vermutlich allerwenigsten Menschen stehen morgens mit dem Gedanken auf, wen sie als nächstes übers Ohr hauen oder zu wem sie besonders gemein sein können. Vermutlich gleichen wir uns ganz überwiegend darin, dass wir uns ein schönes, erfülltes Leben wünschen, in dessen Verlauf wir möglichst wenig Unfug anstellen. Und wenn mich irgendeine Handlung verletzt oder vielleicht sogar benachteiligt, dann liegt es meistens daran, dass selbst das bestmögliche Verhalten noch lange nicht schön für mich sein muss. Ich denke bei tatsächlichen Verstößen gegen Gerechtigkeit oder Menschlichkeit, ist der Gang zur Polizei oder zum Gericht das Mittel der Wahl und nicht das Jammern. Wenn wir uns klar machen, dass Schuld das ist, was wir jemandem persönlich vorwerfen können und wenn wir unter diesem Aspekt unsere Leben betrachten, dann sind vermutlich nur sehr wenig Menschen in irgend einer Weise an uns schuldig geworden. Natürlich gibt es immer wieder Phasen in denen wir an den anderen leiden und nicht verstehen, warum alles so kalt oder gemein ist. Doch wir fragen uns zu selten, welche Alternativen die anderen haben. Es ist leicht die Schuld am eigenen Unglück jemandem zu zuschieben. Das entbindet uns von der Verantwortung. Aber das ist eine gewaltige Lebenslüge, durch die wir uns selbst entmündigen. Wenn ich unter irgendeinem Verhältnis zu meinen Mitmenschen leide, dann doch in erster Linie deshalb, weil ich es nicht transformiere – oder verlasse. In diesem Sinne sind wir ganz und gar für uns selber verantwortlich. Es spielt auch keine Rolle, was wir selber an Stelle des anderen täten oder welche Alternativen wir für ihn sehen. Tatsache ist, dass er das ganz anders empfinden kann, und es ist nicht an uns, das zu beurteilen. Wir müssen lediglich in einer Weise damit umgehen, die uns möglichst wenig schadet. Andernfalls machen wir uns zum Opfer, was immer ein erbärmlicher Zustand ist.
Manchmal suchen wir auch die Schuld in unserem Umfeld oder der Gesellschaft, weil wir der Überzeugung sind, dass wir alles richtig gemacht haben und deshalb nicht schuld sein können. Vor allem ist die Vorstellung nur schwer zu ertragen, dass wir an dem Unglück auch noch die Schuld tragen. Der Fehler besteht darin, dass überhaupt jemand schuldig sein muss. Welchen Vorteil haben wir dadurch? Bessert sich etwas, wenn jemand bestraft wird? Meistens tragen weder wir noch jemand anderes irgendeine Schuld. Die Dinge sind einfach, wie sie sind. So wie ein kräftiger Landregen, der mich ärgern mag, bei dem ich aber nicht nach dem Täter suche. Das Leben ist kompliziert genug und wir sollten uns nicht mit solchem Humbug aufhalten.
Jake Sully findet sich in Avatar in einem neuen Körper wieder. Er ist ein ausgebildeter und erfahrener Marinesoldat, aber in der feindlichen Umgebung der fremden Welt überlebt er nur mit knapper Mühe einige Stunden und wird schließlich von einer Einheimischen gerettet. Im weiteren Verlauf des Films wird er zu einem Schüler, muss erkennen, wie ungeschickt er sich oft verhält und was für einen Schaden er damit anrichtet. Viele der schlechten Angewohnheiten aus seinem alten Leben und seinem alten Körper stehen ihm dabei im Weg. Aber mit viel Mühe – unter Gefahren und Schmerzen – lernt er, sich in dieses ganz andere Leben einzufinden.
Wenn wir uns für einen Moment ganz spüren und von dort aus weiter vortasten, werden wir vielleicht ähnliche Erfahrungen machen. Haben wir uns vielleicht Kommunikationsmuster angewöhnt, die schädlich oder albern sind? Hängen wir an unsinnigen Ideologien oder Lebenslügen? Ist es gut, dass wir rauchen oder so viel trinken? War es nicht unser Ideal gut und gehaltvoll zu essen, und jetzt sitzen wir mit einer Tüte Chips beim Abendbrot? Und treiben wir auch nur ansatzweise so viel Sport, wie es uns guttäte? Vielleicht finden wir uns in einem bestürzenden Zustand, wenn wir uns begegnen. Nur steht nirgendwo geschrieben, dass das so bleiben muss. Es ist meistens keine schöne Erfahrung, doch als erwachsene Menschen wissen wir in der Regel genau, was tun ist, um das zu ändern. Hier zählt aber nur die Tat und jedes Gejammer treibt uns weiter ins Nichts.

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