Jenseits des Nichts IV

[von Sven Stemmer, Lesezeit ca. 6 min.]

Nehmen wir die Herausforderung an, verschaffen uns ein realistisches Selbstbild und vollziehen den Wandel, weg von allem, was wir nicht wollen und hin zu einer förderlichen Alltagspraxis. Es stellt sich die Frage, woran wir merken, dass wir diesen Wandel – zumindest ausreichend – vollzogen haben. Ich denke, ein guter Anfang ist, ein zufriedenes Leben zu führen und sich erst einmal in jeder erforderlichen Hinsicht um sich selber zu kümmern. Also … schön wohnen, angenehm arbeiten, gut essen, ausreichend bewegen, schön kleiden, Körperpflege usw.. Und dann können wir versuchen, Vorbild zu sein, auch mit der Ruhe und Gelassenheit, die wir ausstrahlen. Denn dadurch bauen wir bereits an den Brücken zu den anderen.
All das klingt wieder nicht nach viel. Doch diese Grundlagen im Alltag zu gewährleisten, ist sicher keine kleine Leistung. An diesem Punkt angekommen, sollten wir uns ein Bild von der anderen Seite des Nichts machen. Jetzt geht es darum Menschen zu begegnen und die Einsamkeit aufzuheben.
Jake Sully muss für seine Mission bei den Na’Vi auf Pandora deren Sprache lernen. Sein Kollege Norm Spellman unterrichtet ihn und erklärt die Redewendung >Ich sehe dich.<, die dort zur Begrüßung dient, so:

„Aber es heißt nicht nur >Ich sehe dich vor mir< sondern auch >ich sehe in dich hinein< … >ich verstehe dich<.“

Hier spricht sich, meiner Auffassung nach, die ganz große Hoffnung aus, die wir mit jeder Beziehung verbinden. Die Na’Vi sind in dieser Hinsicht zu beneiden, da sie über ein Organ verfügen, mit dem sie ihre neuronalen Netze mit jedem anderen Lebewesen des Mondes verbinden können. Das gilt auch für andere Na’Vi, z.B. beim Sex. Auf diese Weise verschmelzen sie, im wahrsten Sinne des Wortes, auch auf mentaler Ebene. In anderen Science-Fiction-Filmen, wie Star Trek – Deep Space Nine, gibt es Formwandler, die sich sogar physisch vollkommen durchdringen können. All diese Geschichten sind lediglich Projektionen, die ihre Wirkung auf das Publikum allein deshalb nicht verfehlen, weil sie die Hoffnung berühren, ganz gesehen und ganz verstanden zu werden.
Wir können unsere Nervensysteme nicht vernetzen oder einander durchdringen. Ist die Hoffnung, das Nichts zu überwinden, also vergeblich? Nun – vielleicht, ich denke aber nicht, da sie von so vielen Menschen geteilt wird, dass sich Wege finden lassen sollten.
Wir wollen sehen und gesehen zu werden – in einer starken und gleichberechtigten Verbindung, in der wir auf Augenhöhe nebeneinander stehen. Solange das lediglich eine Hoffnung ist, sehen unsere Beziehungen anders aus: Wir können den anderen anhimmeln und ihn auf einen Sockel stellen. Oder wir werden angehimmelt, empfinden vielleicht ein bisschen Mitleid oder wehren uns sogar gegen die Zuneigung. Beide Möglichkeiten werden uns und den anderen nicht gerecht. Hebe ich jemanden auf einen Sockel, habe ich kein realistisches Bild von ihm. Ich fixiere ihn auf ein Image, nehme ihm seine Entwicklungsmöglichkeiten und auch das (nicht zu bestreitende) Recht, Fehler zu machen. Ich werde also entweder fortwährend eine Lüge um diesen Menschen konstruieren und mich täuschen müssen oder er wird mich früher oder später ent-täuschen, da niemand beständig übersteigerte Erwartungen erfüllen kann. Das ist ausweglos und es ist auch grausam, denn wer kann es ertragen, in Beziehungen zu leben, die von unerfüllbaren Bedingungen abhängen?
Lasse ich mich anhimmeln, degradiere ich den anderen zu einem Anhängsel. Zu einem Accessoire, dass ich brauche, um mich zu schmücken oder mein Ego zu streicheln. Aber ich sehe nicht die Potentiale und die sicherlich vielfältigen Dimensionen der Persönlichkeit und kann deshalb auch keine Entwicklung zulassen. Wer mich anhimmelt, muss kleiner sein als ich. Solche Beziehungen sind auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt oder heillos neurotisch.
E.T.A. Hoffman zeigt im Sandmann gleich zwei Beziehungen, die scheitern. Der Protagonist Nathanael wird von seiner Verlobten Clara aufrichtig geliebt und auch sehr klar gesehen. So erkennt sie den aufkeimenden Wahnsinn, vor allem in seinen Gedichten, und versucht ihn mit ihrer Kritik von seinen irren Vorstellungen abzubringen. Sie sieht durchaus sein großes Potential aber vor allem die Gefahr in seiner überdrehten Fantasie. Nathanael weist die Kritik so schroff zurück, dass Claras Bruder ihn zu einem Duell fordert. Wir sehen, dass gesehen werden ebenso wenig angenehm sein muss, wie mit sich alleine eine schmerzhafte Selbsterkenntnis zu durchleben. Nathanael bekommt durch Clara einen Weg gezeigt, der zwar hart sein mag, auf dem er aber ein großes Entwicklungspotential hätte. An seinem Studienort begegnet er Olimpia, der Tochter seines Professors Spalanzani. Er trägt ihr ebenfalls seine Gedichte vor und da sie so zurückhaltend und dem Anschein nach verzückt auf ihn und seine geistigen Ergüsse reagiert, verfällt er ihr vollkommen und verliebt sich bis nahe an den Wahnsinn. Das Problem ist, dass Olimpia eine mechanische Puppe ist, die Reaktionen nur simuliert und alles, was Nathanael an Zuneigung und Bewunderung zu sehen glaubt, ist nichts als eine Reflektion, eine narzisstische Selbstbespiegelung.
Einander zu begegnen, die Einsamkeit zu überwinden, bedeutet natürlich füreinander da zu sein. Es bedeutet, sich in schwierigen Situationen zu unterstützen und sich gegenseitig aufzubauen. Aber von der Verliebtheitsphase in Liebesbeziehungen einmal abgesehen, kann es keine Schwärmerei sein, in welcher Richtung auch immer. Vielmehr sollten wir durch den klaren Blick der anderen auch unsere Fehler und Potentiale besser erkennen und lernen, als Menschen zu wachsen.
All das ist nicht ungefährlich, denn man kann natürlich auch verletzt, manipuliert und ausgenutzt werden. Darum erstaunt es mich, mit welcher Selbstverständlichkeit Beziehungen, die auf erste Schwierigkeiten stoßen – ganz im Sinne unserer Konsumgesellschaft – entsorgt werden. Natürlich ist es leichter, sich auf die Suche nach etwas Neuem, vielleicht Aufregenderem zu machen, als die schwierigen Phasen von Kritik und Selbsterkenntnis zu durchleben. Aber diese Haltung ist infantil. Die Welt ist voll von guten Gründen dafür, dass wir unser Urvertrauen abgelegt haben. Wenn wir nun auf Menschen treffen, die unser Vertrauen rechtfertigen, mit denen wir vielleicht eine kleine gemeinsame Geschichte erleben, die uns auch Unangenehmes sagen können, ohne uns gleich damit zu vernichten, so dass wir die Chance bekommen ein bisschen weniger die Idioten zu sein, die wir in der Mehrheit vermutlich sind … wieso erkennen wir nicht das große Wunder und den gewaltigen Schatz, den solche Beziehungen darstellen? Warum verteidigen wir das nicht mit großem Einsatz, sondern werfen es einfach weg? Oder – und das ist nicht besser – warum lassen wir das zur Routine und lästigen Pflicht verkommen?

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