Jenseits des Nichts V

(von Sven Stemmer, Lesezeit ca. 7 min.)

Warum gibt es zwischen Menschen häufig die große Leere? Was sollte eigentlich dort sein? Einsamkeit entsteht aus Mangel an Zuwendung und Vertrauen, an menschlichem Engagement und Einfühlung. Das Nichts breitet sich dort aus, wo sich Menschen aus dem Staub gemacht haben. Freilich nicht physisch. In der Regel lassen sie ihre Körper an den Orten, wo sie gebraucht werden: Bei der Arbeit, im Sportverein oder zu Hause, wo sie das Abendessen für die Familie vorbereiten. Dabei tragen sie oft Masken zur Schau, die eben jene Personen repräsentieren, die sie in ihrer jeweiligen Rolle zu sein haben; wenngleich diese Masken mitunter eine etwas kühle oder harte Oberfläche haben – wie Porzellan. Mit wachsender Perfektion wirken sie oft umso unheimlicher, nimmt man sich einmal die Zeit, sie richtig wahrzunehmen. Natürlich ist mir klar, dass das nicht für alle Menschen überall gilt. Aber treffen wir auf eine Gemeinschaft, eine Familie oder ein Paar, bei denen das erkennbar anders ist, ist die Frage nach ihrem Geheimnis nicht weit. Es scheint, dass der Mangel der Regelfall ist, die Ausnahmen repräsentieren die Hoffnungen der Mehrheit. Natürlich wäre es vollkommen unangebracht, wenn wir alle überall und immer unsere Masken fallen ließen. Sie sind ein Schutz in all den Situationen, in denen wir Aufgaben zu erfüllen haben. Wir haben eben aus gutem Grund unser Urvertrauen abgelegt und wir sind weit häufiger mit Menschen zusammen, mit denen wir keinen engeren Kontakt wünschen, als mit Freunden und geliebten Menschen. In diesen Zusammenhängen sind die Masken und ihre porzellane Oberfläche vermutlich sehr angemessen. Sie schützen vor Verletzung und Gefahr und befähigen uns oft erst, unsere Aufgaben richtig wahrzunehmen.
Das Problem – das Nichts – entsteht dort, wo wir in einem Konflikt mit geliebten Menschen auch solche Masken aufsetzen, da wir aus Erfahrung wissen, wie gut sie uns schützen. Das ist aber ganz falsch. Konflikte im Straßenverkehr, im Beruf oder Verein müssen lediglich geregelt werden. Es ist auch Unsinn, sich da emotional übermäßig zu engagieren. Konflikte zwischen Liebenden oder Freunden dagegen müssen verstanden und von Grund auf ausgeräumt werden. Das ist etwas ganz anderes. Tut man das nicht, hat man irgendwann nur noch Bekannte und Kollegen. Solche Beziehungen gibt man zudem auch viel leichter ganz auf. In einer Beziehung achten wir, wie gesagt, zunächst einmal darauf, dass wir unser eigenes Leben in zufriedenstellender Weise führen und nicht Mängel durch die schiere Gesellschaft der anderen zu füllen suchen. Wir versuchen außerdem, nicht der Gegenstand irgendeiner schwärmerischen Verehrung zu werden. Dem Freund oder Partner begegnen wir emphatisch und freundlich, hilfreich aber auch kritisch, so dass auch er Mängel in seinem Leben selber ausräumen kann. Wenn wir das erreichen, haben wir vermutlich so etwas wie Augenhöhe hergestellt. Wir sind immer selbst der Punkt, an dem wir Veränderungen bewirken können. Auch in der Beziehung sind wir der Teil, auf den wir den direkten Einfluss haben. Daher sollte in einer Freundschaft oder Beziehung unser Hauptaugenmerk auf unser eigenes Verhalten, unser Leben, unser Wohlbefinden liegen. Es ist evident: Nur wenn es mir gut geht, kann ich auch anderen etwas geben. In Beziehungen gilt also, dass es immer etwas mehr „ich“ als „wir“ sein muss. Vielleicht gar nicht viel. Vielleicht nur 52% : 48% oder sogar nur 51% : 49%. In der Tendenz jedenfalls sollten wir erst einmal bei uns bleiben, denn das ist der Teil jeder Beziehung, für den wir die direkte Verantwortung tragen. Aber wie füllen wir die 48% „Wir“? Wie überhaupt können wir uns ein „Wir“ vorstellen? Besondere Schwierigkeiten bereitet das in Liebesbeziehungen. Ganz besonders in solchen, in denen man das nicht durch die Sorge um gemeinsame Kinder erfolgreich verdrängen kann.
Vor langer Zeit hörte ich bei einer Hochzeit in Berlin ein sehr erhellendes Gleichnis über die Ehe. Der Pastor verglich die Eheleute mit zwei Saiten eines Instrumentes. Wenn sie zusammenklingen wollen, um einen schönen Ton zu erzeugen, dürfen sie nicht so weit auseinander sein, dass man sie nicht gleichzeitig hören kann. Aber zu nah dürfen sie auch nicht sein, weil sie sonst nur schnarrende, kratzende oder dumpfe Geräusche aber keinen schönen Klang erzeugen. Das Ziel ist, frei nebeneinander zu schwingen. Dann entsteht eine Harmonie … wenn man eine der Saiten greift vielleicht auch eine Spannung, die aber durchaus ihren Reiz haben und in der Auflösung in einer neuen Harmonie zu einem bereichernden Erlebnis werden kann.
Das Gleichnis ist sehr ergiebig und deutet einen möglichen Weg an. Das Greifen der Saite wäre dann eine neue Idee, eine Erfahrung, Interesse oder Leidenschaft, die einer der beiden entwickelt. Vielleicht entsteht hier eine Spannung in der Harmonie. Der Andere beginnt sich dazu zu verhalten, eine Einstellung dazu zu entwickeln, was dem Greifen seiner Saite entspricht und zu einer neuen Harmonie führt. So entstehen in der Zeit zwei Lebensmelodien, die sich harmonisch umeinander ranken. Ein verwandtes Gleichnis wäre der Tanz und jeder mag das Bild für diesen Vorgang finden, zu dem er den besten Zugang hat.
Um das Nichts während der Dauer eines langen Lebens zu überbrücken, ist eine einfache Feststellung hilfreich: Jeder Mensch ist seinem Wesen nach ein unergründliches Geheimnis, eine terra incognita. Nicht einmal wir selber können über uns, unsere Möglichkeiten, tiefsten Ängste oder Sehnsüchte wirklich Auskunft geben. Hier gleichen wir alle einem schwer zugänglichen, uralten Garten von wahrhaft unermesslichen Dimensionen. (Ich neige dazu anzunehmen, dass wir alle Teil des selben Gartens sind). Der Psychologe und Philosoph Erich Fromm definierte die Lieblosigkeit als Versuch, einem Menschen sein Geheimnis nehmen zu wollen. Wenn man von jemandem sagt: „ich kenne Dich, Du bist so und nicht anders.“ beraubt man ihn seiner Potentiale, seines Geheimnisses und spezifischen Menschlichkeit. Das Gegenteil wäre demnach, dem anderen die Unermesslichkeit des inneren Gartens zuzugestehen und auf ihn neugierig zu bleiben. Wir wissen also nie, wie sich der Klang unserer Saite in neuen Situationen entwickeln mag, wie er sich dann zum Klang unserer Freunde oder unserer Geliebten verhält und was dann in ihrem Klang folgt.
Der Weg wäre also, sich immer neuen Erfahrungen auszusetzen. Wenn also zwei Menschen sich für Reisen, Wissenschaft, Musik, Kunst, Literatur, gutes Essen oder schöne Kleidung interessieren, sind die möglichen Erfahrungsräume in ihren Kombinationen wahrhaft unermesslich. Allein was die Literatur angeht: Jedes Jahr gibt es 4000 Neuerscheinungen in deutscher Sprache, die im engeren Sinne der Literatur zugerechnet werden können. Sogar ein Schnelleser bräuchte für eine Jahresproduktion gut 35 Jahre. Wenn man also einige Bücher mit auf seine spannenden Reisen nimmt, wie um Himmels willen soll das jemals während der Spanne eines – sogar sehr langen – Menschenlebens langweilig werden? Die Antwort ist, dass die Langeweile in unserer Trägheit wurzelt. Wenn wir müde werden, wenn wir keine Neugier mehr auf Neues entwickeln, wenn wir beginnen auf unseren Sofas zu verrotten. Das ist dann der Moment, in dem auch die Wohnungen anfangen, irgendwie miefig zu werden. Diese Tendenz ist in den meisten Menschen angelegt. Das Wort dafür ist: Innerer Schweinehund … und man sagt, „wer rastet der rostet“. Drastischer, aber treffender wie ich meine, heißt es auch: sitzen tötet! Das ist also die Aufgabe! Immer wieder neue Klänge und Klangfarbe ins Leben bringen, sich immer wieder zu einem neuen Tanz auffordern, sich beständig aus der Komfortzone holen. (Ja, es gibt auch Phasen für Ruhe und Erholung). Die große Herausforderung ist – bei aller Sicherheit und Beständigkeit, die man einander bieten soll – das Leben als einzig Abenteuer [J.W.v. Goethe] zu führen.
Diese Gedanken hier können nur grob umreißen, wie wir das Nichts überwinden. Im Grunde ist damit nur ein ungefährer Kurs gesetzt. Jetzt heißt es, Segel setzten und darauf vertrauen, dass wir uns durchfinden. Also:

Raus aus der Komfortzone!

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