Raus aus der Komfortzone I

(von Sven Stemmer, Lesezeit ca.: 4 min.)

Eine sehr kluge Person erklärte mir kürzlich ihr Vorhaben, sich gelegentlich neuen Erfahrungen auszusetzen. Und zwar unter anderem genau solchen, von denen sie denkt, dass sie sie vielleicht gar nicht so interessant, langweilig oder sogar gewöhnungsbedürftig findet. Der erste Gedanke ist vielleicht, dass das Zeitverschwendung sei. Tatsächlich aber versauern wir doch allzu oft in unserem alltäglichen Trott, folgen eingefahrenen Routinen, ja werden vielleicht – in besonders drastischen Fällen – ein wenig wunderlich. Da kann ein neuer Eindruck oder eine völlig andere Erfahrung sehr heilsam sein. Und schlimmstenfalls stellen wir fest, dass unser Vorurteil zutrifft und – was auch immer – wirklich blöd ist. Oder wir entdecken etwas Neues, das uns bereichert.
Ich habe mich von diesem Gedanken inspirieren lassen und einen ersten Versuch gewagt: Karaoke.

Mein Vorurteil war, dass vor allem ein Publikum, das man sonst am Ballermann trifft, in völlig besoffenem Kopf schreckliche Schlager kreuzschief in die Stille der Nacht grölt. Das wollte ich prüfen. Der Irish Pub in Bielefeld bietet an jedem Mittwoch ab 21.00 Uhr eine Karaoke-Show an. Dort fuhr ich hin. Zunächst: Möglicherweise hängt das Publikum nicht allein von der Veranstaltung sondern auch vom Austragungsort ab. Jedenfalls ist das Auftreten von Gästen in diesem Irish Pub szenemäßig gefärbt und wirklich adrett. Viele nett gekleidete und entspannte Menschen jeden Alters machten es sich dort hinter ihrem Guinness bequem. Das Liederangebot war sehr breit. Ja, es gab die schrecklichen Schlager, aber eben auch wirkliche Klassiker von Jonny Cash, Simon and Garfunkel, Janice Joplin und vielen mehr, zwischen denen man wählen konnte. In Irland oder auch in der Tschechischen Republik ist es üblich, dass man in Kneipen oder Pubs gemeinsam musiziert. Das soll in grauer Vorzeit bei uns auch einmal so gewesen sein. Vielleicht ist es besser, keine Krokodilstränen darüber zu vergießen, dass das nicht mehr so ist und stattdessen wenigstens in Karaoke-Shows die Menschen zum Singen zu verleiten. Denn es ist erwiesen, das Singen die Menschen lebensfroher, ausgeglichener und belastbarer macht. Ja, neben der Zuversicht werden sogar die Abwehrkräfte gestärkt. Ganz abgesehen davon macht es Spaß.
An diesem Abend konnte ich mich von einigen meiner Vorurteile befreien. Es wurde nur einmal das Klischee bedient und zwar mit We’re going to Ibiza von den Vengaboys. Drei Jungs in Jogginghosen sangen das mit so viel Spaß und Ironie, dass es schon wieder sympathisch war. Ich war ganz erstaunt, wie viele wirklich gute Sänger sich in so einem Kneipenpublikum verstecken. Auch das Äußere, wie z.B. Heavy-Metal-Sweatshirts, ließ keinen Schluss auf die Liedwahl der Interpreten zu. Es zeigte sich eine überraschende Bandbreite und eine Gruppe wirklich sehr junger Emos trällerte fröhlich Hotel California. Und ich hätte getippt, dass sie den Titel gar nicht kennen. Neben den Sängern auf der Bühne, stimmte auch das Publikum nicht selten kräftig mit ein … und meistens klang es ganz gut. Die Menschen waren gelöst und fröhlich und gingen sehr herzlich und wertschätzend miteinander um. Jeder durfte sich auf die Bühne trauen und mancher nutzte das für ein Statement: Eine junge Frau schien sich mit So what von Pink den Frust und eine frische Trennung von der Seele zu singen, und es schien, als würde es ihr Kraft geben.


Ich stieg irgendwann mit The Boxer von Simon and Garfunkel aufs Podest. Die Bühnenakustig war nicht optimal, aber mit der ganzen Unterstützung, die das Karaokeprogramm bietet, war der Auftritt leicht zu bewältigen. Ich blickte in sehr viele freundliche Gesichter, viele sangen mit und schienen ganz angetan. Als ich von der Bühne stieg, klopften mir mehrfach wildfremde Menschen auf die Schulter und lobten meinen Gesang. Das war schön.
Ich glaube Karaoke ist gerade für Menschen, die sich ein bisschen scheuen, vor anderen zu singen, eine gute Möglichkeit. Vielleicht singt man erst einmal im Publikum mit und traut sich nach ein oder zwei Aperol-Spritz auch selber auf die Bühne. Es ist eine Erfahrung, die wirklich gut tut. Mein Fazit für diesen Abend lautet: Am richtigen Ort ist Karaoke gar nicht so falsch. Es mag nicht mein neues Hobby werden, aber wenn sich die Gelegenheit bietet, sage ich bestimmt nicht nein. Und die Komfortzone zu verlassen, war in jedem Fall ein sehr gute Erfahrung, denn ich ging erheblich weniger borniert ins Bett, als ich am Morgen aufgestanden war.

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