Raus aus der Komfortzone II

(von Sven Stemmer, Lesezeit ca.:  4 min.)

Langsam neigt sich der Oktober in Richtung November, finstere Wolkenkolonnen saugen immer öfter das ganze Sonnenlicht auf und kalter Regen peitscht über das Land. Kurz: Wir haben übermäßig viel Grund, uns zu Hause auf dem Sofa einzuigeln und in unserer Komfortzone zu versinken. Das mag für einen Abend in Ordnung gehen, aber immerhin müssen wir jetzt mit vier bis fünf Monaten ungemütlichem Wetter rechnen, und es kann nicht gut sein, so lange vor sich hinzuoxidieren.

Raffen wir uns also auf und brechen aus der Komfortzone aus: Seit ich einmal in Essen eine größere Anzahl von Menschen gesehen habe, die sich zu Halloween fast perfekt wie der Cast von Zombie – das Original geschminkt hatten – inklusive heraushängender Eingeweide und Augäpfel – liegt diese Veranstaltung denkbar weit außerhalb meiner Komfortzone. Das liegt auch daran, dass die Leute am hellen Nachmittag durch die Fußgängerzone liefen, in der noch eine Menge Kinder waren. Ich kann auch einem Brauch nichts abgewinnen, in dem Kinder durch Drohungen Süßigkeiten erpressen. Da scheint mir Sankt Martin, bei dem es um Mitgefühl und Teilen geht, doch der konstruktivere Ansatz.
Aber vielleicht lässt sich auch eine andere Perspektive auf Halloween einnehmen. Statt sich z.B. über den „Amikram“ zu ärgern, der ja sowieso nur kommerziell ist, (soweit etwas, das der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt hilft, eben ein Ärgernis ist), könnten wir es auch einfach als gute Gelegenheit nehmen, uns zu verkleiden. Verkleiden macht den meisten Menschen ziemlich viel Spaß. Außerdem weiß die Psychologie zu berichten, dass es auch gesund ist, ja es soll uns sogar zu besseren Menschen machen. Wenn Kinder sich verkleiden, nehmen sie im Spiel alle möglichen sozialen Rollen ein und versetzen sich so in andere. In der Verkleidung können wir für einen Abend eine Seite an uns ausleben, die im Alltag unterdrückt werden muss. Wir können uns als ein Held oder Künstler, Abenteurer oder Fabelwesen inszenieren, die wir vielleicht gerne ein bisschen mehr wären und so ein wenig aus den gesellschaftlichen Zwängen ausbrechen. Manchmal hilft es auch, in Verkleidungen zu schlüpfen, die Ängste oder Sorgen verkörpern. Solche Verkleidungen sind zu Halloween besonders beliebt. Angeblich soll das Fest ein vorchristlicher Brauch sein. Mit Masken von Tieren, Geistern und Dämonen versuchte man, das Böse zu vertreiben, vor dem man sich in der dunklen Zeit besonders fürchtete. Und tatsächlich kriecht mit abnehmender Sonne in manchem der Dämon der Winterdepression nach oben. Da kann ein ausgelassenes Fest in schöner Verkleidung wahre Wunder wirken. Springen wir doch in fröhlicher Maske der zunehmenden Dunkelheit mit dem Arsch ins Gesicht! Frei nach dem Slogan einer drittklassigen Schokolade: Was für Kinder gut ist, kann für Erwachsene nicht schlecht sein! Überall auf der Welt gibt es Maskenfeste. In Schweden verkleidet man sich zu Ostern, in Russland zu Weihnachten bei uns meistens zu Karneval. Der ist vielen zu klamaukig, da kann Halloween schon etwas anders gestaltet werden. Wir sollten vielleicht die Gelegenheit nutzen, und daraus ein richtiges Maskenfest, einen Maskenball machen, wie er früher häufig gefeiert wurde. Wer einmal Bilder vom venezianischen Karneval gesehen hat, kann sich eine Vorstellung davon machen, welche Pracht – ja, Kunst – dabei möglich ist und welche Lebensfreude sich auf diese Weise Bahn bricht.
Es sind noch ein paar Tage bis Halloween. Eine gute Gelegenheit, sich eine schöne Verkleidung zu besorgen und eine passende Party zu suchen. Also: Nicht unterkriegen lassen! Macht Euch bunt und geht auf die Piste!

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