Hannah Arendt und die Produktion der Wahrheit

(von Sven Stemmer, Lesezeit ca. 8 min.)

Die Stadt Hannover veranstaltet in diesem Jahr, zusammen mit der Leibniz Universität und der Volkswagenstiftung, zum 21. Mal die Hannah Arendt Tage, die noch bis Sonntag gehen. Ihr Geburtshaus steht hier, woraus man ein gewisses Recht ableitet, sie als große Tochter der Stadt zu würdigen. Aufgewachsen ist sie freilich in Königsberg. Von einer vielseitig interessierten und klugen Person eingeladen, hörte ich mir am Donnerstag die Hannah Arendt Lecture an, die nach Aussage der Moderatorin Dr. Franziska Martinsen, stets das Herzstück der Veranstaltungsreihe ist. Frau Martinsen, mit dem angenehmen Auftreten einer Philosophin des frühen  20ten Jahrhunderts, begrüßte uns sehr freundlich in dem prachtvollen Hörsaal der Kali-Chemie und sprach einige einleitende Worte zu Hanna Arendt und der Rednerin Dr. Stefania Maffeis. Die Sitzreihen waren spärlich gefüllt – in eigentümlichem Kontrast zum später behaupteten Arendt-Hype unserer Tage.

Das Thema der Lesung war

Transnationale Philosophie – Hannah Arendt und die Zirkulation des Politischen.

Die naheliegende Erwartung, wir würden einen Vortrag hören über gesellschaftlich politische Zyklen und die Bedingungen in denen totalitäre Gefahren heranwachsen – vielleicht sogar wie man diesen begegnen  kann – wurde im Folgenden vollauf enttäuscht. Naheliegend ist die Annahme, weil man Arendt als versierte Totalitarismusforscherin ansehen dürfte, die uns in der Gegenwart, wie sie nun einmal ist, sicher einiges zu sagen hätte.  Dr. Maffeis versuchte vielmehr die Grundgedanken ihrer gleichnamigen Habilitationsschrift zu skizzieren. Da es sich nur schlecht zusammenhängend aus einem 300 – 400 Seiten-Werk zitieren lässt, konzipierte sie ihre Lesung als Erläuterung des Titels. Ich hörte ihr gerne zu. Sie ist eine angenehme Erscheinung und hat einen warmen italienischen Akzent, den sie trefflich mit einem herzlichen Lächeln zu verbinden weiß. Ihr Auftreten in konsequentem Schwarz schien mir der Tradition west- und mitteleuropäischer Geisteswissenschaft  und weniger Coco Chanel geschuldet.

Die Lesung war, trotz der Enttäuschung, durchaus ein Gewinn, da sie sehr zum Widerspruch – und also zum Selberdenken reizte. Das erste erhellende Ärgernis war der konsequent durchgehaltene Gendersprech, der in der Universität Hannover den Hörer*innen mit dem Sternchen dargeboten wird. Das lässt sich phonetisch freilich nicht umsetzen, weshalb im Folgenden also nur von Philosophinnen, Autorinnen usw. zu hören war. Trotz allem Bedauern können wir feststellen, dass die (relevanten) Philosophinnen zur Zeit noch eine Minderheit sind (soweit man die Geschlechtszugehörigkeit hier überhaupt für relevant hält) und wir also de facto einen Vortrag über eine sehr spezielle Gruppe hörten – der so allerdings sicher nicht gemeint war. Die Alternative, abwechselnd die männliche und weibliche Form zu nehmen, hätte sicherlich zu noch größerer Irritation geführt. Die Deutschen und nicht sie alleine scheinen noch immer hoch bereit, jeden Unfug konsequent umzusetzen, wenn die vorherrschende Ideologie es verlangt. Ich bin bestürzt, dass auch Philosophen, die auf eine möglichst klare und präzise Sprache angewiesen sind, die schleichende Zerstörung ihres wichtigsten wissenschaftlichen Werkzeugs so bereitwillig selber vorantreiben. Andererseits konnte ich an diesem Abend erleben, wie sich die Unzulänglichkeit dieser Sprachregelung erwies.

Dr. Maffeis bewies gleich zu Beginn ihres Vortrages Integrität, als sie darauf hinwies, dass Hannah Arendt selber vermutlich nicht mit ihren Ideen einverstanden wäre. Zumindest nicht mit allen. Es ist schwierig sich über die Inhalte einer Autorin zahlreicher Publikationen zu äußern, der ich nur vierzig Minuten lang zugehört habe. Deshalb ist mein Eindruck höchst vorläufig, wird Dr. Maffeis vermutlich nicht gerecht, mag in mancher Hinsicht sogar völlig verkehrt sein. Aber es ist der Eindruck dieses Abends: Zunächst erläuterte sie, was sie unter Philosophie versteht. Sie definierte (und das ist bitte nicht im Sinne wissenschaftlicher Begriffsbildung zu verstehen!) Philosophie als soziale Praxis, die an der Wahrheit arbeitet und dadurch Wahrheit produziert. Bei diesen Worten stieg mir säuerlich der Geschmack der Zirkularität auf die Zunge (was ja auch irgendwie im Einklang mit dem Titel stünde). Für einen Zirkelschluss kann man auch schon mal im Proseminar Logik durchfallen.  Daher sollte ich annehmen , dass eine angehende Philosophieprofessorin so etwas vermeidet. Ein Bemühen diese Zirkularität nachzuweisen, wäre vergeblich, denn leider verabsäumte Dr. Maffeis  zu erläutern, was sie unter Wahrheit und unter der Produktion von Wahrheit versteht, wodurch diese Definition von Philosophie leider vollkommen leer bleibt. Ich kann mir viel darunter vorstellen, von Wahrheitssystemen orwellscher Prägung bis zu einem netten Plausch einiger Oberstudienrät(e)*innen bei grünem Tee und Dinkelkeksen. Während letzteres vergleichsweise harmlos ist, lässt das Erste meine Alarmglocken schrillen.

Ich stimme ihr allerdings darin zu, dass Philosophie – anders als oft behauptet – von regionalen, gesellschaftlichen und zeittypischen Gegebenheiten abhängt und nicht per se über- oder transnational ist. Daher ist es auch nicht überflüssig, davon zu sprechen. Allerdings wurde mir während des Vortrages nicht deutlich, was sie konkret Neues, im Sinne Hannah Arendts, unter transnationaler Philosophie versteht, das über den geistigen Austausch von Denkern verschiedener Herkunft hinausgeht. Der setzte vermutlich in dem Moment ein, als Thales von Milet seine erste Botschaft auf einen Papyrus kratzte und durch seinen Postsklaven in die nächste Polis bringen ließ. Sie schien auch unzufrieden mit dem Umstand, dass dieser Austausch vor allem auf der Nordhalbkugel, vor allem unter westlichen Philosophen stattfindet. Ich glaube, dass sich dahinter die grundlegende Bereitschaft der Kulturrelativisten verbirgt, jedes Denken, das den Anschein erweckt systematisch zu sein oder Wahrheiten zu produzieren, als Philosophie anzusehen. Das ist Unfug. Philosophie ist eine spezifisch westliche Denktradition und es lässt sich keinesfalls ein Denker wie z.B. Lao Tse darunter fassen. Natürlich gibt es einen umgangssprachlichen Wortgebrauch, unter den dann auch das Gefasel eines Alkoholikers in der Eckkneipe fällt. Ich erwarte aber, dass in philosophischen Veranstaltungen  eine andere Auffassung vertreten wird. Den fundamentalen Unterschied zwischen (westlicher) Philosophie und (östlicher) Weisheit kann man beispielsweise bei François Jullien nachlesen [Jullien, François. Der Umweg über China. Berlin. 2002] . Natürlich gibt es mittlerweile auch in Japan, China oder Nigeria Philosophen. Die sind westlich sozialisiert und ausgebildet und daher gehören sie genau zu diesem Kulturkreis. Es sind zudem vergleichsweise wenige, weshalb sich die transnationale Philosophie auch in Zukunft vor allem in den westlichen Gesellschaften abspielen wird. In Südostasien oder Zentralafrika wird auch in Zukunft eine Arendt-Lesung noch erheblich weniger Menschen in den Hörsaal locken als in Hannover.

Im letzten Teil ihres Vortrages sprach Dr. Maffeis über die „Idee Hannah Arendt“. Sie erläuterte, wie sich Arendt inszenierte, wie sie verschiedene Images, die ihr zugeschrieben wurden, dankbar aufnahm und in ihre Performanz integrierte. Irritierend  war für mich, dass die Binsenweisheit, dass sich Intellektuelle – besonders Geisteswissenschaftler – inszenieren, der Erwähnung wert war. In jeder zweiten Dissertation über Intellektuelle dürfte man lesen, dass Form und Inszenierung integraler Teil der Botschaft sind. In verschiedenen Kommunikationstheorien, der Semiotik und Ästhetik ist das Thema vermutlich erschöpfend erschlossen. Die Erkenntnis an dieser Stelle wäre also: Hannah Arendt verhält sich wie eine  Intellektuelle. Vorgetragen und sekundiert von zwei Philosophinnen, deren eigene Inszenierung völlig unübersehbar war. Interessant wurde aber, was daraus folgen sollte: Es gibt nicht eine Hannah Arendt, sondern viele. Da sie selber mit verschiedenen Images gespielt hatte, wurden ihr umstandslos alle möglichen Interpretationen oder Instrumentalisierungen zugeschoben. Dr. Maffeis zauberte aus ihrem Paper eine linke und eine konservative Ahrendt, eine feministische, eine postfeministische und eine dekonstruktivistische Arendt und eine Arendt als Raucherin. Durch die Rezeption und durch die Übersetzungen kämen auch immer neue Arendts hinzu. Mir schien hier ein bisschen viel Emphase, wenn nicht Schwärmerei im Spiel.

Und hier ist der Punkt, an dem ich gerne zwei Entgegnungen wagen würde. Zunächst klingt diese Auffassung von Hannah Arendt, wie die Gedanken meiner kleinen Tochter zu Spiderman. Denn es gibt den guten und dann den mit dem schwarzen Anzug und dann gibt es den ganz jungen, der kann viel weniger als der mit den Spinnenbeinen im Anzug … . Auf diese Weise macht man eine der größten Denkerinnen zu einer Comicfigur. Zu einer Hohlform, in die jeder hineinstopft, was ihm sinnvoll erscheint. Richtig ist: Es gibt keine Hannah Arendt. Es gab eine Hannah Arendt, sie ist mittlerweile tot, und es gibt ihr Werk. Und es gibt die Rezeption, Interpretationen und durch sie inspirierte Ideen. Das aber sind nicht viele verschiedene Arendts. Zweitens ist mir wichtig, dass Philosophie zwar eine soziale Praxis sein mag, aber gewiss nicht die Arbeit an der Wahrheit, die Wahrheit produziert. Philosophie (soweit wir von Wahrheit sprechen) ist das systematische Bemühen, möglichst zutreffende Hypothesen über das Faktische zu formulieren, die sich optimalerweise auch in der Realität bewähren. Ansonsten wird sie zum beliebigen Gewäsch.

Sonst ist zu der Veranstaltung zu sagen, dass der Unvermeidliche, der sich gerne selber reden hört und im Anschluss seinen eigenen kleinen Vortrag hält, auch hier nicht fehlte. Er beklagte sich darüber, dass Arendt anders als Lenin, Luxemburg oder Gramsci sich überhaupt nicht engagiert gezeigt habe und nur Theoretikerin gewesen sei (jeder stopft hinein, was er will) Außerdem bliebe sie unter ihren intellektuellen Möglichkeiten, als sie Marx als Antisemiten identifizierte. Es ist sicher ein erhebendes Gefühl, wenn man als letzte Instanz ein Urteil über das intellektuelle Niveau einer Großdenkerin abgeben darf.

Für die Organisation sei angeregt, alle Eingänge auch aufzuschließen und ggf. die Toiletten zugänglich zu machen. Und wenn das Licht nicht mittendrin ausginge, wäre das auch gut. Dieser Rahmen wirkt einfach nicht so, als sei die Veranstaltung wirklich bedeutend.

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