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Erstes Türchen

Erstes Türchen

von Sven Stemmer [Lesezeit ca.2 min.]

Es ist früh am Dienstag – der erste Dezember. Vorgestern war schon Advent. Ich sitze im Zug und fahre durch Westfalen. Hinter den Fenstern fliegen Wälder und Felder mit Wintergemüse vorbei .. sattes Grün durch den Frost zu einem nachdenklichen Salbeiton gedämpft.
Ich betrachte eine Postkarte, die mir als Liebesgruß geschickt wurde. Es ist ein kleiner Adventskalender. Ein Fuchs darauf, der vor einem Weihnachtsbaum sitzt. Hinter dem ersten Türchen war ein goldener Stern. Ich werde morgen das zweite Türchen öffnen.
Dieser Bilderkalender berührt mich.
In der Grundschule hatten wir auch immer einen Adventskalender mit Bildern.
Jeden Tag, zur ersten Stunde, wenn wir durch den nebligen und frostigen Dezembermorgen mit kalten Fingern und Ohren zur Schule gestapft waren – und es noch ganz dunkel war – brannte vor jedem Kind eine dicke, rote Kerze.
Die Lehrerin, Frau Vehmeier, öffnete ein Türchen, wir sahen uns das Bild an, und dann las sie eine Geschichte dazu vor.
Am Schluss pusteten wir die Kerzen aus. Dann stieg dieser Geruch auf, den Du nie mehr vergisst und der so sehr die Winterzeit begleitet, wie der von Tannen und Schnee.
Ja und die Kerzen mit dem kleinen Messingständer, für die hatten wir vorher zwei Mark mitgebracht. Die wurden vom Roten Kreuz gekauft, das dann mit dem Geld armen Menschen durch den Winter half ..

Das ist lange vergangen. Heute ist alles anders – sicher  hat sich irgendein Bürokrat überlegt, dass es feuerpolizeilich total verantwortungslos wäre, brennende Kerzen vor Kinder zu stellen. Oder irgend eine Helikoptermutter oder ein überengagierter Vater verbitten sich diese Gefährdung durch Feinstaub im Klassenzimmer.

Außerdem verletzt ein Adventskalender die religiösen Gefühle der muselmanischen Mitbürger. Natürlich müsste man die Geschichten auch kontrollieren, ob sie in gendergerechter Sprache formuliert sind und ob sich nicht – etwa in Gestalt von Dornröschen – ein Propagandapamphlet einschleicht, das die patriarchalen Strukturen zementiert und dem sexuellen Missbrauch Vorschub leistet.
Und schließlich: Kerzen gegen Geld für das rote Kreuz – das riecht doch verdächtig nach Winterhilfswerk – ist also mal so was von rechts und voll Nazi!
Ja, die neue Welt ist um so vieles schöner, bunter und besser. Und auch fröhlicher. Fast schon schrill ..

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