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… auch keine Sophie Scholl, indes …

… auch keine Sophie Scholl, indes …

Lesezeit ca. 5 min.

Es dürfte inzwischen nur wenige Menschen geben, denen der Name ‚Jana aus Kassel‘ nichts sagt. Ich nahm ihren Auftritt in Hannover durch eine private Nachricht zur Kenntnis, in der mir der Verweis auf das Video mit der Frage zugesandt wurde, was ich davon hielte.
Ich war unangenehm berührt – das Gefühl nennt man inzwischen wohl ‚fremdschämen‘ – und antwortete, dass ich den Auftritt für eine unerträgliche Selbstüberhöhung halte. Damit war das Thema für mich abgeschlossen – einfach, weil ich mich nicht unnötig mit unangenehmen Themen befassen möchte.
Indes ist auf die Ausschlachtungsmaschinerie der Medienöffentlichkeit Verlass, und so wurden mir allerlei Kommentare und Beiträge zu dem Vorfall in meine Medienkanäle gespült. Ganz fix war die vermeintliche Spaßpartei „Die Partei“ des Herrn Sonneborn [der sich seinen rebellischen Nonkonformismus im EU-Parlament mit gut 8.000,- € monatlich vergolden lässt]. Sie veröffentlichte ein Plakat mit einer Gegenüberstellung von Sophie Scholl und der Jana aus Kassel. Nutzen wir die Gelegenheit, um kurz zur Kenntnis zu nehmen, dass „Die Partei“ durchaus schon durch Mitglieder aus dem militanten und gewalttätigen, linksextremen Milieu aufgefallen ist … namentlich der Stadtverband Frankfurt ist da zu nennen. Die eng mit diesem Projekt verbundene Satirezeitschrift „Titanic“, die sich optisch in letzter Zeit überraschend der „Charlie Hebdo“ aus Frankreich genähert hat, fällt immer wieder durch äußerst unappetitliche, ins vulgärpornographische spielende Witzbildchen auf, die sich freilich – im Falle von Religionen – ausschließlich gegen Christen wendet. Von denen ist nämlich allenfalls lauer Protest zu erwarten, der zudem Teil des Geschäftskonzeptes ist, da „Satire“ ohne Aufregung kaum Sinn ergibt. Allerdings – den „Arsch in der Hose“, sich immer wieder auch mit der vermeintlichen „Religion des Friedens“ anzulegen, wie ihn das unübersehbar optische Vorbild aus Frankreich hat, fehlt der Titanic-Mannschaft ebenso wie dem Herrn Sonneborn. Es bleibt bei einem blassen „je suis charlie“ dem weiter nichts folgt. Liegt der Spöttelei über eine einzelne Studentin aus Kassel vielleicht eine Projektion zugrunde, weil diese Menschen tief in sich spüren, dass sie lediglich feigen, zeitgeistkonformen Müll produzieren? Wer weiß. Klar ist aber, Jana ist nicht Sophie Scholl und Ihr seid sicher nicht Charlie.
Einen weit größeren Aufwand betrieb der Herr Böhmermann, der sich vom ZDF eine Art Musicalsequenz über die junge Frau schreiben lies. Und während ich Die Partei und die Titanic einfach ignorieren kann, muss ich in diesem Fall hinnehmen, dass auch ich das finanziert habe. Freilich unter Zwang, und doch belastet es mein Gewissen. Ich möchte so etwas nicht bezahlen. Der Herr Böhmermann denkt von sich offenbar, er sei lustig und betreibe Satire. Während aber die Frage nach seiner Komik viel mit Geschmack zu tun hat, kann man Satire in seinem Fall ganz objektiv ausschließen. Ich will das an einem Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit veranschaulichen: Dieter Nuhr wurde scharf kritisiert, weil er sich einige Kommentare über Greta Thunberg erlaubt hatte. Wie könne er – so hieß es damals – nur auf einer armen Sechzenjährigen herumhacken. Herr Nuhr antwortete darauf, dass sich Satire immer gegen die Mächtigen richte und als er seine Witze machte, sei Thunberg die mächtigste Frau der Welt gewesen. Zudem stünde hinter ihr eine riesige PR-Maschine, die sie vor allem zu einer Marke gemacht habe. Auch Witze über das Volk zu kritisieren, sei in einer Demokratie, in der das Volk der Souverän sei, etwas abwegig. Ohne das auszudiskutieren, kann man wohl sagen: Da ist etwas dran.
So ist Tucholsky zuzustimmen, wenn er sagt, Satire darf alles – aber nur, wenn es auch Satire ist, also ein Abwehrmittel der Schwachen gegen die Starken. Halten wir fest: Sonneborn, Böhmermann und auch der unvermeidliche, laue Oliver Welke sind nicht die Schwachen und Jana aus Kassel ist nicht die Starke. Wir haben es hier nicht mit Satire, sondern mit öffentlichem, publikumsstarken Mobbing zu tun. Im Fall von Böhmermann auf einem Sender, der sich stets human, empathisch und tolerant gibt und unter anderem von meinen Beiträgen finanziert wird.
Schaut man sich das Video des Auftritts auf der Demo näher an, sieht man ein Kind seiner Zeit. Zum einen werden im Geschichtsunterricht bestimmte Reflexe konditioniert, die in den Schülern eher stereotype Bekenntnisse als differenzierte Selbstreflexion erzeugen. Und so erfreulich es ist, wenn sich junge Menschen begeistert mit den Geschwistern Scholl identifizieren, so ernüchternd ist es, wenn diese Begeisterung zu so tölpelhaften Auftritten führt, die die Totalabwesenheit eines gereiften Geschichtsbewusstseins sichtbar machen. Zum anderen leben wir in Zeiten von Instagram und anderen Selbstentblößungsmedien, die die Entwicklung eines Gefühls dafür, was angemessen ist und was nicht – oder gelegentlich auch schlichter Scham – nicht eben fördert. Wie soll das auch gehen, wenn die Vorbilder Menschen wie Katharina Schulze sind. Solchermaßen sozialisierte Menschen werden dann zum Beispiel mit den Videoclips „Besondere Helden“ der Bundesregierung konfrontiert, die möglicherweise lustig gemeint sind, indes aber all jene verhöhnen, die durch die Maßnahmenpolitk eben jener Regierung ihre Arbeitsstelle oder Existenz und in Folge dessen nicht selten ihre Familie oder Beziehung verloren haben. Diese „Helden“ sind nun wahrlich kein Stauffenberg, Bonhoeffer und auch keine Sophie Scholl. Jana aus Kassel ist auch keine Sophie Scholl, indes … gemessen an dem, was uns die Regierung gerade als Helden verkauft, ist sie erheblich näher dran.
Auch keine Helden sind übrigens jene Mitdemonstrierenden, die vermutlich mehr Lebenserfahrung und kritisches Geschichtsbewusstsein haben als dieses junge Mädchen, und nach einem kurzen Blick auf ihre Vortragsnotizen vielleicht einen helfenden Hinweis hätten geben können. „Ins Messer laufen lassen“ nennt man so etwas wohl. Und sicher gar kein Held ist der Herr Böhmermann – man erinnere sich an die winselnden Laute, die er hören ließ, als er sich in der Causa Erdogan ein bisschen zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte – noch ist er Satiriker. Er ist ein feist alimentierter Hasskomiker, der mein sicheres Gefühl noch festigt, ich lebte lieber in einem Deutschland ohne ZDF.

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