Landpartie I

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 5 min.]

.. und dann wachst Du auf und merkst, an den Wochenenden hat sich, unter der Stressättigung aus Arbeit und anderen Pflichten, die Routine eingeschlichen. Sie erschöpft sich bundesdurchschnittlich in Generaleinkauf, Grillen und körperlichen Höchstleistungen bei der Sportschau. Manch mutige Ausnahme wagt vielleicht noch einen Spaziergang. Wenn nun der Wunsch aufkommt, die zähe Kruste verschorfter Gleichförmigkeit aufzubrechen, unter der es sich halb behaglich kompostieren lässt, dann gibt es ein altes Hausmittel: Der Ausflug oder, etwas blumiger, die Landpartie.
Das heißt in der Regel, das Körbchen auf den Kutschbock zu schnallen und die Gestade eines nahegelegenen Tümpels aufzusuchen, um Kuchen und kaltes Huhn mit allerlei Insekten zu teilen. Das ist nicht die schlechteste Idee, noch besser scheint es mir, eines der vielen kulturellen Ziele im Land zu besuchen, damit nicht nur der Arthrose sondern auch dem Morbus Fahr vorgebeugt ist.
Also fuhr ich vor einigen Tagen zur Burg Hülshoff. Diese Bildungslücke nagte immer mal wieder an mir, wenn selten genug Anette von Droste – Hülshoff medial Erwähnung fand. Verbunden mit einigen Binsen, einem pflichtschuldigen Zitat aus der ‚Judenbuche‘ und einer halben Strophe vom ‚Knaben im Moor‘. Die ‚Droste‘, wie man im hippen Fachjargon so sagt, kommt mit ihrem Werk im öffentlichen Bewusstsein [und ich meine hier bereits nur den bildungs- und kulturaffinen Teil der Gesellschaft] praktisch nicht vor. Das ist brachliegender geistig – kultureller Besitz, den es zwar gar nicht geben dürfte, folgte man der SPD, doch ich sag mal: Trotzdem! Und eigne ihn mir eben tatsachenwidrig an.

Knapp außerhalb von Münster, in der Gemeinde Havixbeck, Kreis Coesfeld, liegt die westfälische Wasserburg Hülshoff. Sie war gut sechshundert Jahre Stammsitz der Familie Droste zu Hülshoff. Wasserburgen stehen dort, wo es keine Berge gibt und tatsächlich ist die Landschaft um das Anwesen bedrückend flach. Jedenfalls für Mittelgebirgsbewohner. Hier begrenzt der Horizont das Sichtfeld, Maisfelder prägen die Landschaft, das ist die Provinz der Provinz – die Burg steht im Nirgendwo. Sie ist in verschiedenen Bauphasen entstanden, Renaissance, Barock und Neogotik habe ihre Spuren hinterlassen. Als letzter Gebäudeteil wurde 1880 die Hauskapelle errichtet, die auf den meisten Fotos der Anlage zu sehen ist. Umgeben ist sie von einem gepflegten Park. Das Museum im Hochparterre gibt in wenigen Räumen einen freundlichen Einblick in die Adelskultur des Biedermeier. Die Räume sind weitgehend so hergerichtet, wie sie zur Zeit der Freiin von Droste-Hülshoff ausgesehen haben. Alltagsgegenstände, Gemälde, Skulpturen, Instrumente und private Dinge der Dichterin vermitteln das Gefühl, dieser Welt sehr nahe zu kommen; auch einige sehr persönliche Details werden offenbart.
Nach dem Rundgang mit hilfreichem Audioguide besuchte ich das Restaurant im Burgkeller. Um nicht ins Kulinarische abzuschweifen: Es ist zu empfehlen. Anschließend folgte ein lohnender Spaziergang durch den Park und herum um den Hundeturm der alten Wehranlage.

Ich weiß, das klingt wie ein Werbetext der ‚Annette von Droste zu Hülshoff – Stiftung‘, die seit 2012 die Anlage betreibt. Doch der giftige Stachel kommt am Ende. Wie ich aus Gesprächen mit Angestellten erfuhr, ist das Museum und die Anlage in dem Zustand, den Jutta Freifrau von Droste zu Hülshoff schon in den Jahren vor 2012 hergestellt hat. Es gibt Pläne, bis nächstes Jahr weitere Räume im oberen Stockwerk zu öffnen. Außerdem entsteht in den alten Wirtschaftsgebäuden ein .. „Center for Literature“, in dem es Konzerte, Seminare oder Ausstellungen von „Künstler*innen“ für „Künstler*innen“ und „Bürger*innen“ geben soll. – Da war die Plattennadel, die vom Teller rutscht. – Es wird also an der Geburtsstätte einer der größten Autorinnen des Deutschen ein durchgegendertes, anglizismenverhunztes Literaturzentrum errichtet.

Um das auszuführen: Ich lese, höre und spreche Englisch gerne. An den Anglizismen nimmt es genauso Schaden wie das Deutsche, von einigen Sinnvollen wie z.B. ‚Audioguide‘ abgesehen, die nicht stören. Störend ist die Marotte ausufernden Unsinns, wie zum Beispiel das international direkt verständliche ‚Information‘ in Englisch ‚information‘ zu ‚übersetzen‘. Da man die Kleinschreibung nicht hört, fügt man [hier: die Deutsche Bahn] noch ‚point‘ an. Nicht, dass einer unserer zahlreichen Gäste auf die Idee kommt, wir geben uns hier mit so etwas piefig spießigen wie unserer eigenen Sprache zufrieden. Die Nichtachtung und Herablassung gegenüber unserer Gesellschaft, die daraus spricht, ist indes der beste Indikator für provinzielle Schmalhirnigkeit. Nun also ein ‚Center for Literature‘ (Englisch eigentlich ohne Majuskeln) für die ‚Droste‘. Eine Rechtfertigung für solchen Unsinn ist der Verweis auf das internationale Publikum. Nun verirren sich kaum Menschen aus Roxel und Havixbeck in das Schlösschen, aber sei‘s drum. Man rechnet also mit Milliarden Chinesen, die zwar intelligent und gebildet genug sind, die Burg in der münsterländischen Rübensteppe zu finden, die aber an der Transferleistung, in einem ‚Zentrum für Literatur‘ ein ‚Center for Literature‘ zu erkennen, scheitern.
Es ist bekannt, dass die Freiin im Bewusstsein großer Kunst schrieb. Handwerklich etwas einzwängende Opernlibretti mochte sie nicht verfassen. Es braucht nicht viel Einfühlung, um zu ahnen, was Anette von Droste-Hülshoff von sprachvergewaltigenden Gendersternchen und ähnlichem Unfug hielte. Allerdings – sie ist schon lange tot und wir müssen uns mit diesen Hirnblähungen herumärgern. Die Genderei ist jenes erste Aufflackern des Totalitarismus vermittels Sprachregelung, das geeignet ist, alle Manieren vergessen zu machen. Vor noch nicht zwei Wochen stellte der Dichter Reiner Kunze klar, dass Sprachgenderismus eine aggressive Ideologie ist. Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer Schwierigkeiten hat, das Grundproblem zu erfassen, dem sei ‚1984‘ von George Orwell erneut zur Lektüre empfohlen.
Das sind nur zwei aber sehr grundlegende Hinweise darauf, dass wir in Zukunft von dieser Einrichtung nicht zu viel erwarten sollten. Und es erschöpft sich schon jetzt nicht darin. Anette war, wie ihre ganze Familie, gläubige Katholikin und lebte im Spannungsverhältnis zwischen Religion und moderner Ideen der Aufklärung. Auch heute ringen Menschen um solche Umwälzungen – teils unter Lebensgefahr. Ein gutes Beispiel findet sich in Alt-Moabit in Berlin.  Doch statt einer hellsichtig relevanten Auseinandersetzung mit brennenden Gegenwartsproblemen finden wir ein dürres, schmallippiges Appeasement, das in der Tat so manche Frage aufwirft. Es bleibt der fade Nachgeschmack, dass hier nicht Leben und Werk einer Dichterin erschlossen werden soll, sondern dass es auf der zartschleimigen Spur des Zeitgeistes verramscht wird.

 

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