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Auf der Marschbahn nach Norden

Auf der Marschbahn nach Norden

Kleiner Grenzverkehr in Pandemie-Zeiten

Die Zeiten des Reiseverbotes und des Daheim-Büros wecken die Reiselust nichtsdestoweniger. 

Da der Spontan-Massentourismus nach Malle seinen Reiz nicht wirklich entfalten möchte, entschied ich mich für eine traditionsreiche Bahnfahrt: Auf der echten(!) Marschbahn gen Norden. Dies sei kurz notiert, denn gemeinhin endet die Reise mit dem Zug in Westerland auf Sylt. Mein Ziel jedoch atmet dignierte Geschichte: Zu Kaisers Zeiten führte sie von Niebüll aus nach Tondern weiter. Bis heute gibt es in Tondern mehrere Einrichtungen der deutschsprachigen Minderheit in Nordschleswig: Eine deutsche Kirche, eine Bibliothek, einen Kindergarten und eine Schule. Außerdem ist Tondern die Heimat des Tonderner Folk Festivals, das international einen erstklassigen Ruf genießt. 

Aber genug davon: Am Rande des nördlichsten Bundeslands, dem „echten Norden“, steige ich am späten Freitag Vormittag im März in den Regionalzug nach Itzehoe. In Elmshorn erspähe ich den Turm der deutschlandweit bekannten Kölln-Flocken. Hier biegt der topmoderne Triebwagen auf die eigentliche Marschbahn und schaukelt sich an Windrädern und Schafen in der Marsch vorbei. In Itzehoe erreiche ich noch so gerade eben einen InterCity Richtung Sylt.

Stilvoll reisen auf der Marschbahn

Stilvoll reisen auf der Marschbahn

Der Fern(!)zug hat Kurswagen nach Dagebüll und ist der Zubringer zur Fähre zu den nordfriesischen Inseln. Die Wagen haben WLAN mit funktionierendem Internet zum Arbeiten und sind vor allem in Pandemiezeiten relativ leer: Urlaub zu Hause trifft auf Home-Office. Bevor er jedoch seine Reise antreten kann, bekommt er uralte Diesellokomotiven der Baureihe 218 vorgespannt. Unter vollem Einsatz einer doppelten Dieselformation ruckt der Zug an und fährt auf die lange Rampe der Kanalhochbrücke von Hochdonn. Sie ist ähnlich wie ihre Rendsburger Schwester 42 Meter über dem Wasserspiegel des Nord-Ostsee-Kanals errichtet und erinnert an die Zeit der alten Preußen. Vom Zugfenster aus unscheinbar, aber landseitig besehen ein beeindruckendes Industriedenkmal des späten 19. Jahrhunderts. In ihrer filigranen Bauweise ist sie ein Zeugnis von Weitsicht und Pioniergeist.

Doch damit nicht genug. Gemächlich gleitet der Zug durch Dithmarschen, einstmals ein Land freier Bauern, die Grafen und Königen trotzten. Das benachbarte Nordfriesland, nur durch die Eider getrennt, ehemals Schleswig und Holsteins Grenzfluss – oder wahlweise die Grenze zwischen dem Königreich Dänemark und dem Deutschen Reich –, ist heute nur mehr die Grenze zweier Landkreise. Auf dieser Wasserstraße schifften bereits die Wikinger Ihre Handelsgüter in ferne Gestade. Heute läuft der Welthandel über den Nord-Ostsee-Kanal. Auch das ist Schleswig-Holstein, sein Wahlspruch, op ewig ungedeelt, kommt nicht von ungefähr. Es wurde hart um die Einheit gekämpft. Hier oben an der Westküste wird neben Plattdeutsch Friesisch und auch Dänisch gesprochen. Ganz schön international, dieser Landstrich: drei von vier Minderheitensprachen der Bundesrepublik sind hier anzutreffen.

zweisprachiges Straßenschild

zweisprachiges Straßenschild auf Friesisch und Deutsch

Nun kommt der InterCity auch schon in Niebüll an. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Die Inseltouristen werden in den Kurswagen auf ein anderes Gleis rangiert und fahren weiter nach Dagebüll, der Hauptzug fährt nun über den Hindenburgdamm mit Tempo 140 durch die Nordsee nach Sylt. Auch dieses Bauwerk ist eine Pionierleistung deutscher Ingenieure, die dem Bau des Eurotunnels oder auch dem Bau der großen Alpentunnel wie Gotthard-, Simplon- und Lötschbergtunnel in nichts nachsteht. Die Sylter Schickeria fährt mit der Blechdose auf den Autozug und setzt über, alle anderen fahren im Personenzug weiter.

Die wohl am wenigsten bekannte Variante ist jedoch der unscheinbare Dieseltriebwagen einer dänischen Privatbahn mit dem Fahrtziel Esbjerg: Heute ist die gerade mal vor 20 Jahren reaktivierte Stichstrecke über die dänische Grenze eine kleine Nebenbahn. Der erste Bahnhof nach Niebüll ist Tondern (Tønder), dazwischen sind noch zwei Bedarfshaltepunkte: Uphusum und Süderlügum. Diese Strecke ist übrigens mit deutschen Fahrscheinen anstandslos bis Tondern zu bereisen. Erst ab dort gilt der dänische Tarif. In der dänischen Kleinstadt angekommen, läuft der Reisende zunächst der dänischen Polizei in die Arme, die teils deutsch-, mehrheitlich jedoch englischsprachig ist. Die Frage: „Was willst du in Dänemark?“ in Verbindung mit der Bitte um ein Ausweisdokument ist seit Beginn der Massenmigration im Jahr 2015 normal an der dänischen Grenze. Heutzutage wird man ggf. nach einem negativen Nachweis wegen der schlimmsten Pandemie aller Zeiten gefragt. So legte ich dem freundlichen Blondschopf von den dänischen Dorfsherrifs meine Absolution vor und durfte passieren. 

Widau (Vidå)

Die Widau in Tondern, hier das ehelige Hafenbecken.

Tondern hat lediglich rund 6000 Einwohner, ist aber aufgrund seiner Lage an der Widau ein ehemaliger Hafenort. Die Landschaft um Tondern ist von diversen Gewässern durchzogen, die Zugang zur rund 20 km entfernten Nordsee haben. Dies erschließt sich besonders gut, wenn man durch die Feldmark südlich von Tondern streift und die doch beträchtlichen Wasserflächen außerhalb der Stadt erblickt.

In Tondern wird übrigens eine starke dänische Mundart, Sønderjysk (Südjütisch) gesprochen, die sich dem Vernehmen nach beträchtlich vom „Reichsdänisch“ unterscheidet. Dieser letzte Außenposten des kleinen Königreiches ist weit weg von der Hauptstadt. Hier ist tiefste dänische Provinz, vergleichbar mit den abgelegensten Weilern auf der Schwäbischen Alb. Die Altstadt erinnert von der Architektur her etwas an Flensburg oder Schleswig, ist jedoch beschaulicher und ruhiger. Alte Kontors- und Geschäftshäuser säumen den Kirchplatz, in der Alten Apotheke wird ganzjährig Weihnachtsdekoration verkauft, auch in Pandemiezeiten. Mit dem Rad erkundete ich die Altstadt: ja, auch hier die allfälligen Nasenpudel, dort leider auch schon ansteigender Leerstand von Geschäftsräumen. Aber diese Geruhsamkeit, die den Dänen zueigen ist, wirkt auch jetzt unerschütterlich. Herrlich.

Frigrunden (der Freigrund)

kleine, malerische Gasse in der Altstadt von Tondern

Ich stromere durch die beschaulichen Gassen mit ihren geduckten Häusern. In den Fenstern sehe ich die vielgerühmte dänische Gemütlichkeit – es gibt keine Vorhänge, wie es in Dänemark üblich ist. Des Öfteren sind die Haustüren nicht einmal verschlossen. Die Dänen vertrauen einander.

Mit dem Drahtesel fahre ich weiter zur 5 km entfernten Landesgrenze bei Sæd auf der dänischen bzw. Süderlügum auf der deutschen Seite. Bei der Rückkehr nach Deutschland werde ich gar nicht kontrolliert. Bei der Einreise nach Dänemark wird der Gegenverkehr jedoch gefilzt und getestet. Auch hier sind Grenzkontrollen seit 2015 durchaus normal und die Regel.

dänischer Hotdog

Gourmet-Speise in Dänemark: signalrote Pølser.

In Süderlügum angekommen, steige ich ab und betrete erstmal die dänischen Supermärkte. Typischerweise haben diese Supermärkte ein reiches Sortiment vor allem an Spirituosen, die von Dänen zu günstigerem Kurs als im Heimatland erstanden wird. Hier bietet sich mir die Möglichkeit, ohne Geld umtauschen zu müssen, dänische Spezialitäten zu erstehen: Krabbenstreichkäse und dänischen Joghurt, Markrelensalat und Pølser. Die signalrot gefärbten Hotdogwürstchen stellen durchaus eine Delikatesse dar: Stilecht holt der Gourmet sie sich am Pølserstand. Leider hat die kleine Wurstbude vor einem der dänischen Supermärkte in Süderlügum geschlossen: Hier gibt es normalerweise heiße Hotdogs aus Dänemark zu günstigeren Preisen als in ihrem Ursprungsland.

Auf dem Weg durch Süderlügum sehe ich reetgedeckte Friesenhäuser, die sicherlich einige Jahrhunderte alt sind. In Süderlügum sind relativ wenig Touristen, aber dennoch haben die Supermärkte auch sonntags auf, vermutlich wegen der Grenznähe, aber sicher auch, weil die nächsten Urlaubsorte nicht weit weg sind. Der Ort mit seinen 2000 Einwohnern sichert damit die Nahversorgung an der dänischen Grenze nördlich von Niebüll. Zumindest zweistündlich gibt es eine Bahnverbindung in die Außenwelt mit Anschluss nach Hamburg in Niebüll. 

Mit dem Zug zurück in Niebüll angekommen, bietet sich noch eine letzte Chance zur Fahrt über den Hindenburgdamm, doch ich mache mich nun wieder auf nach Süden. Ein gemütlicher Tag liegt hinter mir. Ein kurzer Schnack mit dem Zugpersonal ist auf der geruhsamen InterCity-Fahrt auch immer drin und die Welt fühlt sich für einen Moment so an, als wäre alles wie immer. 

Meine Heimat, so karg und weit sie ist, so anmutig und schön ist sie. Meine Augen ermessen den ewigen Horizont: Die Geschichte dieses alten Landes, das ich seit Kindestagen kenne, lehrt mich jedes Mal wieder die Demut. Und vielleicht ist gerade diese Mischung aus Anmut und Demut das, was mich seit langer Zeit formt und begleitet. Diese Weitsicht. Dieser Raum für Gedanken. Diese Leere voller Schöpfung. Hier ist mein Ort der Kontemplation, der Weltschau. Von hier aus bestimme ich meinen Standpunkt. Nichts kann mich ablenken, außer vielleicht das karge „Moin“ eines Eingeborenen oder das „Plop“ eines herben Dithmarscher Bieres.

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