Seite auswählen

Steine mahnen

Steine mahnen

[Lesezeit ca. 2,5 min.]

Seit dem späten Mittag beschossen die Franzosen den Gutshof La Haye Sainte mit den Haubitzen ihrer schweren Artillerie. Die Luft war erfüllt von Pulverdampf, vom Staub aufgewirbelter Erde und den Schreien der Sterbenden und Verletzten. Die 3. leichte Division der King’s German Legion schmolz unter dem Blick ihres Kommandeurs dahin, bis von den vormals 400 Mann nur noch 42 den Hof mit ihren Gewehrkolben verteidigten. Es war 18.00 Uhr als sich Wellingtons Männer zurückzogen, doch die Franzosen waren zu spät, denn – wie der Duke gehofft hatte – die Preußen waren gekommen.

Der zwanzigste April ist ein guter Tag, um an die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 zu erinnern. In der Todesstunde heißt es, erinnert man sich seines ganzen Lebens. Und heute vor 181 Jahren starb eben jener Kommandeur Graf Carl von Alten, der bei der Verteidigung des Hofes schwer verwundet wurde. Im Grunde hatte die Allianz die Schlacht bereits verloren, doch gelang es von Alten die französischen Truppen so lange von der englischen Hauptstreitmacht fern zu halten, bis die Unterstützung durch die Preußen eintraf. Dadurch spielte er bei der endgültigen Niederlage Napoleons eine entscheidende Rolle. Auch Hannover, das in der Folge auf dem Wiener Kongress zum Königreich erhoben wurde, hat ihm viel zu verdanken.

Nach seinem Tod wurde Carl von Alten in seinem Mausoleum, einem Entwurf von Georg Ludwig Friedrich Laves, in der Stadt Hemmingen beigesetzt. Die Kapelle überstand den Krieg 1866, den ersten Weltkrieg und sogar den Bombenkrieg der vierziger Jahre, nur um in der Nachkriegszeit von Plünderern aufgebrochen und geschleift zu werden. Die Särge und Gebeine lagen im umliegenden Wald verstreut, bis sie in der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover erneut beigesetzt wurden. Inzwischen wird die Ruine des Mausoleums von einem Verein vor dem weiteren Verfall bewahrt. Es gilt als erster Backsteinbau der Neugotik in Norddeutschland.

Zu erwähnen wäre vielleicht noch, daß das Palais des Grafen am Waterlooplatz in Hannover für eine Staatskanzlei weichen mußte, die nie gebaut wurde. Heute ist dort eine Wiese neben einem Biergarten. Als die britische Königin im Jahre 1965 dort an der Waterloosäule einen Kranz für die Verdienste der Kings German Legion in dieser Schlacht niederlegen wollte, wusste die Regierung der BRD das zu vereiteln. Man könnte der Auffassung sein, daß Napoleons Feldzüge nicht unwesentlich zum Anwachsen des Nationalismus in Europa beigetragen haben – mit allen Folgen, die uns heute bekannt sind. Und jedenfalls kann man annehmen, daß es ein Segen war, daß diese Männer – und unter ihnen Carl von Alten – dem korsischen Kaiser endlich doch Einhalt geboten.

Wenn er im Nachhinein offenbar nur der Schändung und Nichtachtung wert war, zünde ich ihm heute eine Kerze an.

Person in Ruine

Bei einem Besuch des Mausoleum Carl von Alten.

Denkmal

Denkmal Carl von Alten vor dem Niedersächsischen Landesarchiv

Kalender

  1. Berlin Art Week

    September 15 @ 8:00 am - September 19 @ 5:00 pm

Sven Stemmer

Arnold Welsch

de_DEGerman