Deutschstunde – wirklich großes Kino!

(von Sven Stemmer, Lesezeit ca. 3 min.)

Vor über fünfzig Jahren erschien der Roman Deutschstunde von Siegfried Lenz. Er erzählt von Siggi Jepsen, der in einer Besserungsanstalt einen Aufsatz über Die Freuden der Pflicht verfassen soll. Zunächst bringt er kein Wort aufs Papier, weil seine Erinnerungen und die Fülle der Gedanken ihn überfluten. In einer Einzelzelle beginnt er aber Heft um Heft mit den Erlebnissen seiner Kindheit zu füllen, die sich gegen Ende des Dritten Reichs abspielen. Sein Vater, Jens Ole Jepsen, ist Polizist irgendwo am Ende der Welt, an der Schlewig-Hollsteinischen Wattenmeerküste. Er ist befreundet mit dem Maler Max Ludwig Nansen, dem er ein Malverbot aus Berlin überbringen muss. Er muss zudem dieses Verbot überwachen und durchsetzen. Dafür setzt er auch seinen Sohn Siggi – Patenkind Nansens – als Spitzel auf ihn an. Im Verlauf der Geschichte wird das Kind in einen immer größeren Zwiespalt getrieben, auch misshandelt und dreht – nun schon Jugendlicher – schließlich durch.

In der Verfilmung von Christian Schwochow, nach einem Drehbuch seiner Mutter Heide Schwochow, ist ein Werk gelungen, dass dem Roman vollkommen gerecht wird. Ich will nicht verschweigen, dass die Literaturwissenschaft den Text für zu stark von der Blechtrommel inspiriert hält. Auch wirft mancher Lenz vor, er verwende blinde Motive, wie das zweite Gesicht, das Jens Ole Jepsen hat, aus dem aber nichts weiter folge. Ich schließe mich diesem Urteil nicht an. Auch verstehe ich den Film als eigenes Werk. Und zu dem ist viel zu sagen. Vom ersten Augenblick an hatte ich den Eindruck eines fortlaufenden Gemäldes. Die Bilder, in denen Schwochow die Landschaft und Menschen und ihren Lebensalltag in Szene setzt sind monumental und so überwältigend, dass sie Gänsehaut hervorrufen. (Unbedingt auf der großen Leinwand ansehen!) Im starken Kontrast zu den Bildern steht der bedrückende und furchtbare Alltag im Dritten Reich. Es kommen gar keine politischen Parolen, keine antisemitischen Sprüche oder Gewaltexzesse vor. Das ganz Furchtbare, Monströse wird nur als finsterer Schatten im Hintergrund angedeutet. Es wirkt so, als ob Jepsen, das, was er für seine Pflicht hält, zunächst nur widerwillig tut. Seine Pflicht gegenüber seinen Freunden, seiner Familie und dessen, was Berlin für entartete Kunst hält und was ihm selber gefallen haben musste, hängt er doch ein Gemälde Nansens in seinem Wohnzimmer nach dem Verbot ab.

Tatsächlich setzt er seine Verpflichtungen zunächst auch gar nicht so konsequent um. Er ignoriert ein neu gemaltes Bild, er sucht nicht nach seinem ältesten Sohn, der desertiert ist, obwohl er weiß, wo er ihn finden kann. Und stets ist ihm der innere Konflikt anzusehen. Ulrich Noethen weiß das meisterhaft umzusetzen. Es wird auch deutlich, dass Jepsen in der Falle sitzt, denn er hat nur die Wahl seiner beruflichen Pflicht direkt entgegen zu handeln oder in dem ganzen Spiel, in seinem Dorf, der Böse zu sein. Mit der Zeit identifiziert er sich mit seiner Rolle immer stärker und füllt sie auch noch nach dem Ende des Dritten Reiches aus.

Du weist auch, dass einer sich treu bleiben muss.

So begründet er dem eben niedergeschlagenen Siggi, dass er das Bild aus seinem Wohnzimmer verbrennt. In dieser unpersönlichen Formulierung zeigen sich Deutsche Zustände in ihrer schlimmsten Form. Prinzipientreue und ein konsequentes Festhalten an Lebenslügen, getrennt von persönlicher Verantwortung und dem freien Willen zur Entscheidung. Leider ist das nicht auf die NS-Zeit beschränkt. Menschlichkeit, Wärme, Kunstsinnigkeit treten hinter Gesetz, Recht und Verfahrensweisen zurück. Aber diese nachgeordneten Konstrukte haben ihren Sinn einzig darin, ein möglichst freies und unbeschwertes Leben von möglichst vielen Menschen zu ermöglichen. Zum Selbstzweck erhoben verwandeln Sie unsere Welt in eine Hölle. Selbstzweck ist nur das Leben und sein unmittelbarer Ausdruck wie Liebe, Freundschaft und Kunst. Dieser Film schafft es, diese Einsicht ganz direkt zu vermitteln. Daher – unbedingt anschauen.

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