Wasserstandsmeldung

[von Sven Stemmer, Lesezeit ca.: 3 min.]

Wenn ich an der Kasse im Supermarkt warten muss, fällt mein Blick gelegentlich auf die Schlagzeilen der BILD.  Gerade in dieser Woche lockte das Springerblatt mit dem Aufregerthema der Hartz IV Sanktionen, die nun vom Bundesverfassungsgericht als unzulässig erkannt wurden. Nichts lässt die Auflage steigen, wie ein ordentlicher Skandal. Es lohnt sich darüber einen Moment nachzudenken. Ich neige zum Beispiel dazu, zu überschlagen, wovon die eigentlich schreiben:

In diesem Jahr haben wir 3.924.360 Hartz IV Empfänger. Davon sind allerdings gut 2.000.000 Kinder und etwa 1.000.000 sind Aufstocker, d.h. sie können nicht von ihrer Arbeit leben, was noch ganz andere schmarotzerhafte Lebensweisen in Deutschland mutmaßen lässt. Es bleiben also etwa 924.360 Empfänger, von denen wir eine Arbeitsleistung erwarten dürfen. Soweit wir der Einfachheit halber unter den Tisch fallen lassen, dass davon nicht wenige kurz nach ihrem Studium einfach noch nicht in den Job gefunden haben, zahlreiche bedürftige Rentner und sicher auch einige Invaliden dabei sind.  Die Bild zeigt uns freundlicher Weise den Hartzi, wie er die feuchten Träume der Empörungsspießer bevölkern soll.

Also … rein statistisch wäre ein repräsentativeres Bild ein Kind mit traurigen Augen, abgetragener Kleidung und zerschlissenem Teddy, aber sei es drum. Schauen wir mal, wie groß das Problem Markus M. für uns alle so ist. Aus Beobachtungen an Kolonien afrikanischer Webervögel und von Pinguinen weiß man, dass sich in hinreichend großen Populationen höherer Wirbeltiere – solche mit Brutpflege, nur hier ergibt die Sache Sinn – etwa 2 % dissozial verhalten. Z.B. stehlen sie das mühsam herbeigeschaffte Nistmaterial der Nachbarn. Solche Verhaltensweisen gibt es auch unter Menschen in allen gesellschaftlichen Schichten. Selbst wenn ich annehme, dass es unter den besagten 924.360 Hartz IV-Empfängern doppelt so viele Schmarotzer gibt, sprechen wir von etwa 37.000 Menschen (davon vermutlich 27.750 Männer).

Aus dem Bundeshaushalt von etwa 360 Milliarden Euro gehen ca. 40 Milliarden in den Bereich Arbeit und Soziales. Etwa 11% davon, also 4,4 Milliarden,  gehen an die Hartz IV Empfänger. Nehmen wir nun an, dass die 37.000 oder etwa ein Prozent der Menschen aus dieser Gruppe tatsächlich die furchtbaren Schmarotzer sind, die uns die BILD in leuchtenden Farben schildert, dann werden ca. 44 Millionen für sie aufgebracht. Etwa ein Promill des Bundeshaushaltes. Mit durchschnittlichem Steueraufkommen zahlt man vielleicht 30 Cent pro Monat für diese Leute. (Vermutlich verliert man mehr durch falsch herausgegebenes Wechselgeld und erheblich mehr durch verdorbene Lebensmittel.) Es gibt nun hinreichend gute Gründe auf die Sanktionen zu verzichten, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine unbillige Härte für den Betroffenen handelt ist einfach sehr viel höher, als das irgendjemand zurecht für seine Faulheit „bestraft“ würde. Ich persönlich zahle die 30 Cent gerne, schon aus Dankbarkeit dafür, dass ich nicht so ein gestörtes Dasein führe. Wer bitte wünscht sich denn das Leben eines Markus M.?

Warum also kann die BILD darauf rechnen, mit diesem Aufmacher so viele Leser anzusprechen? Das ist für mich der weit interessantere Gedanke. Wie kommunizierenden Röhren neigen wir dazu, unseren Wert in Bezug zu anderen Menschen einzuschätzen; wir vergleichen uns mit ihnen. Wenn wir andere abwerten, können wir im Vergleich zu ihnen gut von uns selber denken. So wie bei den Röhren: Drücken wir den Wasserstand in der einen hinunter, steigt er in der anderen an.

Wenn der Leser in der BILD den „furchtbaren Proll“ wie in der Freakshow inspiziert und sich eifrig empört, spürt er gleichzeitig wie edel, hilfreich und gut er doch selber ist. Diese Form des Selbstwertsurrogats ist wirklich erbärmlich und da man offenbar ein gutes Geschäft damit machen kann, wirft es ein bedenkliches Licht auf die Selbstachtung in unserer Gesellschaft.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.