Ein Gentleman in Moskau

von Sven Stemmer [Lesezeit ca. 4,5 min.]

Da der Herbst tagespünktlich Einzug gehalten hat (was ihn von der Deutschen Bahn unterscheidet), wird es in den nächsten Monaten reichlich Gelegenheit für die überaus gesunde und nützliche Langeweile geben. Wenn man indes mit einem regenreichen Tag noch anderes anfangen möchte, tauchen wieder die Fragen nach geeigneter Lektüre auf. Ich entdeckte in diesem Sommer den amerikanischen Romancier Amor Towles als einen Kandidaten für die Liste meiner Lieblingsautoren. In dem Roman ‚Ein Gentleman in Moskau‘, in der Übersetzung von Susanne Höbel, lernen wir den russischen Grafen Alexander Rostov kennen, der im Jahre 1922 durch ein Moskauer Volkskommissariat zu lebenslangem Hausarrest verurteilt wird. Darauf verbringt er die folgenden Jahrzehnte im Hotel Metropol. Eine zentrale Aussage, die sich mir in der Lektüre erschlossen hat, verdichtet sich im folgenden Absatz:

> Mit seinen gemauerten Bogengängen und dem kühlen, dunklen Klima erinnerte dieser Ort an die feierliche Schönheit einer Katakombe, nur dass hier bis in die hintersten Ecken keine mit Abbildern von Heiligen gezierten Sarkophage standen, sondern Reihen von Weinregalen voller Flaschen. Eine erstaunliche Menge von Cabernet und Chardonnay, Riesling und Syrah, Portwein und Madeira war hier gelagert – ein Jahrhundert der Weinjahrgänge aus ganz Europa.

Insgesamt waren es sicherlich zehntausend Kisten Wein. Mehr als hunderttausend Flaschen. Und jede einzelne ohne Etikett.

„Was ist geschehen?“ fragte der Graf erstaunt.

Andrei nickte grimmig.

„Bei Genosse Teodorow, dem Kommissar für Nahrungsmittel, ist eine Beschwerde eingegangen, in der behauptet wurde, unsere Weinliste würde den Idealen der Revolution zuwiderlaufen. Sie sei ein Denkmal für die Privilegien der Aristokratie, für die Verweichlichung der Intelligenzija und die räuberischen Machenschaften der Spekulanten.“
„Das ist doch ungeheuerlich!“

Zum zweiten Mal zuckte Andrei, der nie die Schultern zuckte, die Schultern.

„Es gab eine Versammlung, es wurde abgestimmt, dann wurde ein Befehl ausgegeben … In Zukunft wird im Bojarski nur Rotwein und Weißwein serviert, alle Flaschen zum Einheitspreis.“

Mit seiner rechten Hand, die nicht zu diesem Zwecke gedacht war, zeigte Andrei in die Ecke, wo neben fünf Weinfässern ein großer Haufen Etikette auf dem Boden lag. „Zehn Männer waren damit zehn Tage beschäftigt“, sagte er traurig.<  [S. 181/ 182]

Durch unsere medial vollkommen durchsetzte Welt sind wir alle vollauf mit Bildern versorgt, die, im Grunde oft nicht mehr steigerbar in ihrer Entsetzlichkeit, dennoch in einem Überbietungswettstreit stehen.

Ganz anders dieser Ausschnitt, der eher ein Understatement des Schreckens abbildet. Dieser Akt der Barbarei hat mich sehr berührt, so dass für mich der Roman um diese Stelle kreist. Zwar fehlt mir die Kennerschaft, um einen Wein wirklich vielschichtig beurteilen zu können – vielleicht hilft mir ja eines Tages ein Connaisseur aus dieser Bildungslücke – aber sogar mir ist klar, dass die Entwicklung dieser Getränke einer Jahrtausende währenden Geschichte bedurfte. Es geht um die Züchtung von Rebsorten, die Auswahl von Böden und die richtige Bewässerung, den Kampf gegen Krankheiten und Schädlinge und vielleicht mehr noch um die Bedürfnisse, den Stil und Habitus der unterschiedlichsten Regionen Europas und ihrer Kulturen. Und all dies eingeebnet durch das vermeintliche мы больше  [my bol’she: Wir sind mehr! ] eines Sowjets der Bolschewiken. Zurechtgekürzt auf Weiß und Rot, vermutlich Aufgrund der Denunziation eines neidzerfressenen Emporkömmlings, dem die kulturelle Kompetenz fehlt, komplexe Werke der Menschheitsgeschichte zu würdigen, der sich aber im Geist der neuen Zeit wie ein Fisch im Wasser nach oben zappelt.

Und natürlich könnte ich mich innerlich von einem Zeugnis solch niedrigster Kleingeistigkeit abwenden, wenn es sich bei dieser Episode nicht um ein pars pro toto, um eine Allegorie für den gesamten Roman handeln würde. In dessen Verlauf verschwinden eigentlich recht unterschiedslos immer wieder Personen in Richtung Sibirien, sei es, weil sie – obzwar recht unauffällig und angepasst – leider als Aristokraten zur Welt gekommen sind, sei es, weil sie sich weigern das literarische Erbe Tschechows den Erfordernissen der Revolution anzupassen, obwohl sie doch selber Bolschewiken sind, sei es, dass sie .. ach ja .. ein Grund ist keinesfalls immer zu erkennen. Es genügt vollauf sich in der gleichförmigen Mehrheit der Bolschewiken ein wenig abzuheben. Dann wird man seiner Existenz beraubt und verschwindet. An Kritik ist keinesfalls zu denken. Ja, man muss achtgeben, dass eine Bestellung im Restaurant nicht als Kritik, als konterrevolutionär, als feindlich negativer Akt gewertet wird.

In all diesen Umständen schafft es Graf Rostov dennoch ein Leben voll Würde, Schönheit und Tiefe zu führen. Dies gelingt ihm vor allem durch seine vollendeten Manieren, die sich (nach Asfa-Wossen Asserate) mit Anmut und Demut zusammenfassen lassen. Und natürlich ist er nicht alleine. Eine kleine Gruppe von Menschen, die im Hotel und seinem Umfeld ihren eigenen Herausforderungen standhalten müssen, wissen dennoch die unaufgeregte und liebenswürdige Art des Grafen zu schätzen und werden zu unverbrüchlichen Freunden. Eine Minderheit [Menschewiki] im roten Geist der damaligen Zeit. So kann Graf Rostov schließlich das Erbe einer anderen russischen Kultur an jemanden weitergeben und für die Zukunft bewahren.

Zusammengefasst: Ganz klarer Kaufbefehl; erfreuen Sie einen kleinen Buchhändler mit Ihrer Bestellung.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.