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[Lesezeit ca. 5 min.]                                                      

Auf einem Blog ist es hin und wieder sinnvoll zu reflektieren, was genau der Gegenstand ist, um den er sich dreht. Wenigstens dann, wenn es nicht auf der Hand liegt, wie bei einem Kochblog und sicher besonders, wenn aus den Überschriften der Rubriken nicht deutlich hervorgeht, was dort zu erwarten ist.

Auch der Name des Blogs selber muß hier nicht zwingend helfen. Schließlich würde man bei einem Blog „Piratenbucht“ gegenwärtig kaum erwarten, daß sich dieser an Piraten wendet und ein „Elbenwald“ vermutlich nicht an tolkienesque Fabelwesen.

Wie ist es also mit Dandy’s Corner? Folgt man dem Videoblogger Hugo Jacomet und seinem Modekanal Satorial Talks [114.000 Abonnenten, passenderweise in seinem Video über Sprezzatura ab min. 10:30], dann handelt es sich bei Dandys zwar nicht ganz direkt um Fabelwesen aber doch schon um so etwas wie Piraten, die zu irgendeinem nicht näher bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit von der Bildfläche verschwunden sind. Jacomet präsentiert viele interessante Inhalte und ich möchte seinen Kanal ausdrücklich empfehlen. Was die Dandys angeht liegt er allerdings falsch. Er hat damit recht, daß nicht jeder, der sein Leben wieder in den Griff bekommt und vom Jogginganzug zur klassischen Mode wechselt, gleich ein Dandy ist. Schließlich wird auch nicht jeder Ladendieb im Duty Free Shop der Stenaline zum Piraten. Und ich teile die Ansicht, daß die Verwendung des Begriffs im übertragenden Sinn der Sache eher schadet und im Einzelfall albern wirken kann. Nur sind Dandys nicht verschwunden. Jacomet erläutert kurz, indes nicht sehr präzise, was unter einem Dandy zu verstehen sei (profound philosophy). Das ist etwas unscharf, aber nicht völlig falsch. Und bereits an diesem Punkt reicht ein Blick auf die Brazzaville Dandys, um zu erkennen, daß es solche noch gibt.

Wir müssen aber weder auf einen sehr extravaganten Regionalstil zurückgreifen noch den Gedanken aus entlegenen Weltteilen reimportieren, denn auch in Europa und Amerika war der Dandy nie verschwunden. Je nach Periode änderten sich lediglich die Formen, aber seit George Bryan Brummel – der allgemein als erster Dandy gilt – und somit seit über 200 Jahren, entwickelte sich der Dandy zu einem wichtigen Archetyp der Moderne und Evolution der westlichen Kultur. Als solcher ging er auch in die Kulturgeschichte ein und ist Gegenstand in verschiedenen Fachdisziplinen, vor allem der Literaturwissenschaft. Dort findet man dann auch die Ansicht – um das einmal beispielhaft herauszugreifen – daß Mick Jagger als Dandy angesehen werden müsse. Das dürfte einigermaßen für Verblüffung sorgen. Gut so, zeigt es doch, daß noch viel Diskussionsbedarf besteht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Dieser Blog richtet sich an Dandys und solche, die sich dafür interessieren. Um sich angesprochen zu fühlen, müßte jetzt genauer erklärt werden, was ein Dandy ist. Ich will hier keine wissenschaftliche Definition aufstellen oder eine Fachdiskussion wiedergeben. Dandyismus ist ohnehin eher lebenspraktisch, also schauen wir uns das am Beispiel an:

„Der Dandy steht für Eleganz, Finesse, ästhetisches Empfinden und Lebensgenuss. Er ist eine schillernde, höchst komplexe und sogar paradoxe Figur […] Voller Verachtung begegnete er der an Einfluss gewinnenden Bourgeoisie, welche die Gesellschaft kulturell zu verflachen drohte.“ [Aus dem Vorwort des Dandy-Kochbuchs … so etwas gibt es].

Halten wir fest, für den Dandy sind ästhetisches Empfinden und Lebensgenuss zentral, mit denen er sich gegen die kulturelle Verflachung in der Gesellschaft wendet. Daher muß sich seine konkrete Erscheinung in der Zeit ändern, weil sich auch die Umstände ändern, gegen die er sich kritisch stellt. Dandys sind auffällig, gehören ganz betont nicht zur Masse und sind in der Regel nicht leise – unter ihnen sind nicht wenige Literaten. Hinzu kommt ihr starker Individualismus – sie sind ausgesprochene Solitäre. Es ist leicht solche Personen als etwas exzentrisch oder sonderbar abzutun, vor allem aus der Masse der Gesellschaft heraus, die sich beständig von ihnen kritisiert sieht. Meistens wird erst in der Rückschau deutlich, wie klug der Einzelne sich oft gegen die Masse ausnimmt [selbstverständlich nicht jeder und nicht immer].

Was die Masse [wenigsten scheinbar] stört, sind die Regelverletzungen, die sich der Dandy erlaubt. Hier lohnt es sich versuchsweise einen zweiten Begriff zur Abgrenzung einzuführen: Den des Philisters oder Spießers. Diese sind an der Einhaltung von Regeln um ihrer selbst Willen interessiert und bringen nicht selten den besonders unappetitlichen Untertypus des Denunzianten hervor. Demgegenüber sind Dandys nicht daran interessiert, Regeln um ihrer selbst Willen zu brechen, solche Leute gibt es auch – aber dafür gibt es andere Bezeichnungen. Viel mehr machen Sie sich einen kreativen Umgang mit Regeln zu eigen oder stellen einfach neue auf. Freilich nicht in der Rechtsprechung sondern in der Ästhetik, z.B. Mode oder Literatur und im gesellschaftlichen Miteinander, z.B. im Bereich der Manieren. Philister also möchten gerne Regeln einhalten (vor allem aber, daß andere das tun. Man hörte in den vergangenen Monaten indes auch die eigentümlich masochistische Parole „verbietet uns endlich was“.). Dandys möchten Regeln entwerfen, formen und neu formen.

Neben den Dandys und den Philistern gibt es noch weitere Typen wie zum Beispiel den Bohèmien und den Snob, um die es an anderer Stelle gehen soll.

In jedem Fall sollte klar sein, daß Dandy’s Corner aus reinem Wohlgefallen am Schönen und am Genuss wie aus Missfallen am Unschönen jeder Art sich um Themen allgemein gesellschaftlicher Art dreht. Und auch das es selber nicht jedem gefallen will. Wir wollen aus dem Anschauen die Anschauung gewinnen. Fast schon ist es Phänomenologie.

Sven Stemmer

Arnold Welsch

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